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Kindesmissbrauch

Schonungslose Offenheit

Endlich: Der Trierer Bischof Stephan Ackermann hat eingeräumt, dass Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche in vielen Fällen vertuscht worden sind. Falsche Rücksichtnahme habe verhindert, dass die zahlreichen sexuellen Übergriffe schon wesentlich früher aufgeklärt wurden.

Zu Recht forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel daher von katholischen und anderen Einrichtungen schonungslose Offenheit. Im Bundestag sagte sie:„Es gibt nur eine Möglichkeit, dass unsere Gesellschaft mit diesen Fällen klarkommt, und das heißt: Wahrheit und Klarheit über alles, was passiert ist“.

Zugleich räumte sie ein, dass es eine völlige Wiedergutmachung nicht geben könne. Sie will aber, dass über eine Verlängerung der Verjährung und auch über Entschädigungen gesprochen wird.

Merkel betonte, dass sich die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle nicht auf die katholische Kirche beschränken dürfe. Solche Fälle ereigneten sich in vielen Bereichen der Gesellschaft, heute oft auch in anderer Form, aber mit den gleichen Folgen.

Der Fraktionschef der Union, Volker Kauder, warnte andere Politiker vor einer „Abrechnung“ mit der katholischen Kirche. „Die Wahrheit muss auf den Tisch, aber nicht um der Anklage willen, sondern um so etwas in Zukunft zu verhindern“, sagte er.

Hart ins Gericht mit der römisch-katholischen Kirche und dem Papst geht dagegen der Tübinger Theologe Hans Küng, der in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung schreibt, er halte die Zeit für gekommen, dass Joseph Ratzinger persönlich seine Mitschuld eingestehe.

Missbrauchsfälle müssten dem Papst nicht nur aus seiner Zeit als Erzbischof von München bekannt gewesen sein, sondern vor allem aus der Zeit, in der er Präfekt der Glaubenskongregation gewesen ist.

24 Jahre lang seien sämtliche Sexualdelikte von Klerikern aus der ganzen Welt über Ratzingers Schreibtisch gegangen und mit „strengster Geheimhaltung“ behandelt worden: „Die Wahrheit würde es verlangen, dass der Mann, der seit Jahrzehnten die Hauptverantwortung für die weltweite Vertuschung hatte, sein eigenes mea culpa spricht“, so Küng.

In scharfer Form wendet sich Küng gegen die Darstellung, dass Kindesmissbrauch nichts mit dem Zölibatsgesetz zu tun habe. Er sieht durchaus Zusammenhänge. Das Zölibatsgesetz verpflichte die Priester, sich jeder sexuellen Aktivität zu enthalten. „Aber deren Impulse bleiben virulent, und es besteht die Gefahr, dass sie in eine Tabuzone abgedrängt und dort kompensiert werden.“

Die zölibatäre Lebensform, besonders die zu dieser hinführenden Sozialisation – oft Internat, dann Priesterseminar – könne pädophilen Neigungen Vorschub leisten: „Die Wahrheit fordert, dass man die Korrelation zwischen Missbrauch und Zölibat ernst nimmt statt sie zu leugnen“, schreibt Küng.

Auch wenn die Zusammenhänge nicht von allen Fachleuten so gesehen werden, über kurz oder lang wird die römisch-katholische Hierarchie nicht darum herumkommen, die von der Mehrheit innerhalb der katholischen Kirche gewünschte Veränderung in Angriff zu nehmen. Warum soll es nicht wie in orthodoxen Kirchen ein Nebeneinander von zölibatär lebenden und unverheirateten Priestern geben?

Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees deutscher Katholiken, und der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, haben sich bereits in dieser Richtung geäußert.

Späte Erkenntnis. Schon die Reformatoren des 16.Jahrhunderts haben deutlich gemacht, dass es sich beim Zölibat nicht um eine Glaubenswahrheit, sondern um ein erst im 11. Jahrhundert entstandenes Kirchengesetz handelt. Die Bibel hingegen empfiehlt allen Christen, auch den Amtsträgern, ausdrücklich die eheliche Gemeinschaft.

Der Zölibat ist daher auch nicht „heilig“, wie die Päpste immer wieder betont haben, sondern eine mögliche Lebensform unter anderen. Allerdings eine mit hohen Ansprüchen.

Fakt ist, dass die Ausschließlichkeit dieser Lebensform in der römisch-katholischen Kirche viele hervorragende Kandidaten vom Pfarrberuf ausschließt.

Zahllose Priester, die sehr qualifiziert, beliebt und anerkannt sind, hat der Zölibat bereits dazu veranlasst, ihr Amt aufzugeben. Inzwischen entstehen immer größere Pfarrverbünde, in denen die immer weniger werdenden Pfarrer kaum zu bewältigende Aufgabenbereiche übernehmen müssen.

Das starre Festhalten an einem Gesetz, das völlig unbiblisch ist, trägt so dazu bei, dass die Gemeindearbeit vielerorts erheblich ausgedünnt wird.

Diese Entwicklung bekümmert auch viele Christen aus anderen Kirchen. Nichts wünschen die meisten von ihnen so sehr, dass in dieser schweren Krise jetzt einige ihrer katholischen Schwestern und Brüder beherzt aufstehen und zu Umkehr und Neuanfang rufen.

Ein mutiges Beispiel dafür gibt der neue Limburger Bischof Tebartz-van Elst, der kürzlich in einer Predigt sagte: „Weil himmelschreiendes Unrecht nicht vertuscht und hingenommen werden darf, brauchen wir eine Umkehr, die der Wahrheit Raum gibt. Umkehr und Buße beginnen damit, dass die Schuld ausgesprochen wird, dass Reue geübt und wahrgenommen wird, dass Verantwortung übernommen wird, und die Chance zum neuen Anfang gegeben wird.“

Dem ist nichts hinzu zu fügen.

Wolfgang Riewe

Dieser Beitrag wurde am 18.3.2010 um 22.15 Uhr veröffentlicht.

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