Missbrauchsskandal
Schluss mit vertuschen
Der Skandal um sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche an Schulen des Jesuitenordens weitet sich aus.
Neben den Schulen in Berlin, Hamburg und im Südschwarzwald hat es Missbrauchfälle offensichtlich auch in anderen der 27 deutschen Bistümern gegeben. Das Erzbistum Paderborn ist ebenfalls betroffen. Für die römisch-katholische Kirche, die den sexuellen Missbrauch Schutzbefohlener jahrzehntelang vertuscht hat, ist die Veröffentlichung der Fälle schmerzhaft.
Die Aufdeckung und Aufarbeitung kann zugleich aber auch heilsam sein. Besonders wichtig ist sie für die Opfer und ihre Angehörigen.
„Das Verhalten dieser Täter verdunkelt die christliche Botschaft“, stellte zu Recht der Sprecher des Paderborner Erzbistums, Ägidius Engel, fest. Mehrfach hatte es in den neunziger Jahren in der Domstadt an der Pader Missbrauchsfälle gegeben.
So wurde ein Pfarrer zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung und einer Geldbuße von 4.000 Euro verurteilt, weil er sich an einem elf Jahre alten Jungen vergangenen hatte. Einen Dortmunder Vikar verurteilte ein Gericht 2003 wegen Kindesmissbrauchs zu einer Freiheitsstrafe. 2009 wurde ein ehemaliger Dortmunder Pfarrer ebenfalls zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.
Der sexuell Missbrauch Schutzbefohlener ist innerhalb der römisch-katholischen Kirche also nicht mehr auf einige wenige einzelne Fälle und auch nicht mehr auf Regionen beschränkt.
Nach Recherchen des Spiegel sind in den letzten 15 Jahren mindestens 94 Pfarrer und Patres unter Missbrauchsverdacht geraten.
Neben den Taten selbst ist ihre Vertuschung durch die Ordensoberen und Bischöfe der zweite Skandal, der die Öffentlichkeit erregt. Denn in der Regel wurden die Täter lediglich versetzt. Den wenigen Opfern, die sich offenbarten, wurde keine ausreichende Unterstützung zuteil.
„Die große Schuld, die die Institution auf sich geladen hat, ist, dass sie nicht genauer hingeschaut hat, als sie davon hörte“, sagt Klaus Mertes, Leiter der Jesuitenschule Canisius-Kolleg in Berlin, der die Missbrauchsfälle öffentlich gemacht hat.
Inzwischen hätten sich 30 ehemalige Schüler des Kollegs gemeldet, die zwischen 1960 und 1980 Opfer von Übergriffen wurden. Hinzu kämen bis zu zehn weitere Fälle in Bonn, Hamburg, Hannover und St. Blasien.
Den Opfern Raum zum Gespräch zu geben, sei besonders wichtig, sagte der Hildesheimer Domkapitular Heinz-Günter Bongartz, Beauftragter seines Bistums für Fragen des sexuellen Missbrauchs.
Dem Täter werde zunächst empfohlen, sich selbst anzuzeigen.
Für ihn stehe aber klar das Opfer im Mittelpunkt. Bei der Finanzierung einer Therapie würden die Opfer von der Kirche künftig unterstützt.
Lobenswert ist, dass die Deutsche Bischofskonferenz derzeit auch Änderungen bei der Ausbildung und Begleitung von Pfarrern unterstützt. Hans Langendörfer, der Sekretär der Bischofskonferenz, wehrte sich jedoch dagegen, die katholische Moral und den Zölibat der Priester für den Kindesmissbrauch verantwortlich zu machen. „Der Zölibat schafft keine Missbrauchstäter“, sagte er.
Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass die strikte katholische Sexualmoral, ein überhöhtes männliches Priesterbild und die hierarchischen Strukturen der katholischen Kirche sexuelle Verfehlungen zumindest begünstigen.
Nicht jeder zölibatär lebende Priester ist deshalb gleich verdächtig. Die ganz große Mehrheit der katholischen Pfarrer und Ordensleute versieht ihren Dienst mit Engagement, Anstand und Würde, vor allem auch mit Respekt und Achtung vor den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen.
Es ist aber nun einmal eine Tatsache, dass der Priesterberuf auch Menschen anzieht, die Probleme mit ihrer Körperlichkeit haben. Der Zölibat verhindert, dass sie ihren natürlichen menschlichen Trieb ausleben können. Dadurch entsteht Druck, der sich in Handlungen entlädt, die sie selbst eigentlich zutiefst verabscheuen.
Die katholische Hierarchie kann deshalb nicht immer wieder nur abwiegeln. Sie muss sich endlich ernsthaft der Zölibat-Frage stellen und für die Priester, die nicht zölibatär leben können, Alternativen schaffen.
In den orthodoxen Kirchen zum Beispiel gibt es den Unterschied zwischen Mönchspriestern, die ehelos leben, und Priestern, die in einer Gemeinde arbeiten und Familie haben.
Da der Zölibat biblisch nicht begründbar ist, müsste auch die römisch-katholische Kirche über ihren Schatten springen und eine Reform der kirchlichen Ämter auf den Weg bringen.
Sie läuft sonst künftig in Gefahr, dass es zu Pauschalverdächtigungen gegen alle ihre Priester und Ordensleute kommt, und noch weniger junge Männer als bisher diesen schönen und wichtigen Beruf ergreifen.
Das Ansehen der katholischen Kirche würde weiter leiden – und damit auch das Ansehen der anderen Kirchen, die von vielen Menschen leicht in einen Topf geworfen werden.
Es ist also Zeit, zu handeln. Das ist die Kirche vor allem den Opfern schuldig.
Wolfgang Riewe
Dieser Beitrag wurde am 9.2.2010 um 12.46 Uhr veröffentlicht.
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