»Komm, Heiliger Geist«
Pfingsten 2010: Aufbruch allerorten
Kurz vor dem Pfingstfest ein solch eindrucksvoller Ökumenischer Kirchentag – das war ein wahrer Glücksfall.
Sonst wäre Pfingsten in diesem Jahr wohl ein recht trauriges Fest geworden: Die römisch-katholische Kirche durch ihre Missbrauchsfälle in Schockstarre, die evangelische Kirche gelähmt durch Personal-, Struktur- und Finanzprobleme.
In München wurde das erfreulicherweise aufgebrochen: Über alle Grenzen von Generationen, Konfessionen und Frömmigkeitsprägungen hinweg war hier etwas zu spüren von dem guten Geist Gottes, der Verstehen möglicht, zur Freude anstiftet, mit neuer Hoffnung beflügelt.
Von den guten Erfahrungen dieser bewegenden Tage muss nun etwas hinüber gerettet werden in den Alltag der Gemeinden. Denn dort ist man leider immer noch stark mit den erheblichen Strukturveränderungen beschäftigt, die in den letzten Jahren zu verkraften waren: Kirchenschließungen, Zusammenlegung von Gemeinden, Abbau von Pfarrstellen.
So bleibt meist kaum Luft, sich anderen wichtigen Fragen zu stellen: Der notwendigen geistlichen Erneuerung zum Beispiel.
Nach wie vor befinden sich die beiden großen Kirchen in einer schwierigen Übergangskrise.
Recht zutreffend beschreibt sie der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner so: „Die christlichen Alt-Kirchen sind wie kranke Menschen mit sich selbst und ihrer verspäteten strukturellen Modernisierung sowie mit ethischen Auseinandersetzungen beschäftigt“. Dabei könnten sie eine der besten Adressen für religiös Suchende werden, so Zulehner.
In der Tat. Denn die Zahl dieser „religiös Suchenden“ ist groß.
Das dicke Programmheft des Ökumenischen Kirchentages machte deutlich, wie viele spirituelle Aufbrüche es gegenwärtig gibt. Überall - innerhalb und außerhalb der christlichen Kirchen - ist eine neue Religiosität erwacht.
Denn immer mehr Menschen erkennen, dass der reine Materialismus und Konsumismus die eigene Sehnsucht nach einem erfüllteren Leben nicht stillen kann.
So begeben sie sich auf weite Pilgerwege, kehren in geöffnete Kirchen ein, üben Meditation und Tai Chi.
Sie alle sind irgendwo auf der Suche - auf der Suche nach Tiefe, nach innerer Erfüllung, nach sich selbst – und vielleicht auch nach Gott.
Zulehner hat Recht, dass die christlichen Gemeinden vor Ort eigentlich der richtige Anlaufpunkt für sie sein könnten. Doch geht die religiöse Suche vieler Zeitgenossen zu oft noch an ihnen vorbei. Offensichtlich machen die klugen protestantischen Predigten und die kunstvolle Orgelmusik der A-Klasse all diese Menschen nicht satt.
Eine Reihe von Gemeinden mit verlässlich geöffneten Kirchen hat dies bereits erkannt.
Sie bieten ihre zu Gebet und Stille geöffnete Kirche als Ort an, wo solche religiös suchenden Menschen zu innerer Stille und persönlichen geistlichen Erfahrungen finden können. Erfreulich viele Angebote in der „Nacht der offenen Kirchen“ sind auch in diesem Jahr wieder auf diese Zielgruppe zugeschnitten.
Pfingsten feiert die christliche Kirche als Fest der Ankunft des Geistes Gottes.
Sie redet von Gottes Geist wie von Gott selbst. Ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind erfüllte das Haus, in dem die Jünger traurig beisammen saßen. Geist, Heiliger Geist, kam über sie und brachte sie neu in Bewegung.
„Feuer und Flame“ wurden sie, belebt und ermutigt. Befreit von Angst und Freudlosigkeit.
Was zu Pfingsten damals in Jerusalem geschah, war sicherlich ein außerordentliches, ein ungeheuer aufwühlendes Geschehen.
Beileibe aber war es kein einmaliges.
In der Geschichte der Kirche geschah es immer wieder, dass Gottes Geist Menschen inspiriert und beflügelt. Dies kann auch heute wieder geschehen.
Dazu aber müssen sich die Kirchen dem Geist Gottes neu öffnen.
Statt eines einseitig kopf- und handlungsorientiertem Christentum wären sie gut beraten, in ihren Mauern dem spirituellem Leben mehr Raum zu geben. Warum eigentlich kann von all den guten Erfahrungen des Kirchentages, den Segnungsgottesdiensten und Mahlfeiern etwa, nicht auch ein Teil mit in den Gemeindealltag genommen werden?
Segnung und Seelsorge, Singen und Tanzen, stille Zeiten und geistliche Übungen – all das kann denen wieder Beheimatung geben, die gegenwärtig unter „spiritueller Obdachlosigkeit“ leiden.
Deren religiöse Sehnsucht kann nicht durch bloße Belehrung gestillt werden, sondern nur durch das Erleben einer Gemeinschaft, die vom Geist Gottes erfüllt und inspiriert ist.
Machen kann man das nicht. Wohl aber darum bitten. Jesus hat gesagt, dass jeder und jede um den Geist Gottes bitten darf.
Denn Gott gibt gern. Der Geist, der von Gott und Jesus zugleich ausgeht, schafft Leben und löst Erstarrung. Er treibt die Furcht aus und kehrt mit Freude bei uns ein.
Darum lautet seit alters her die Pfingstbitte: „Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in uns das Feuer deiner göttlichen Liebe.“
Wolfgang Riewe
Dieser Beitrag wurde am 21.5.2010 um 16.53 Uhr veröffentlicht.
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| Anke Beilharz-Wüster schrieb am 26.05.2010 23:02: "Segnung und Seelsorge, Singen und Tanzen, stille Zeiten und geistliche Übungen – all das kann denen wieder Beheimatung geben, die gegenwärtig unter „spiritueller Obdachlosigkeit“ leiden. " |
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