Der 11.September und die Folgen
Nichts ist mehr so wie vorher

Ins Gedächtnis der Menschheit eingebrannt: Der Anschlag auf die Twin-Towers in Manhattan am 9. September 2001.Foto: Wikipedia
Kein Tag in der jüngeren Zeitgeschichte hat sich in das Gedächtnis der Menschheit so eingebrannt wie der 11. September 2001.
Als vor zehn Jahren Terroristen Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Centers in New York und auf das Pentagon in Washington rasen ließen, hielten weltweit die Menschen vor Angst den Atem an. „Nichts wird mehr so sein wie vorher“ kommentierten damals viele Zeitungen das skrupellose Attentat, bei dem rund 3000 Menschen starben.
In der Tat: Nichts ist seitdem mehr so wie vorher.
Die Anschläge islamistischer Terroristen am 11.September 2001 leiteten ein Jahrzehnt ein, das von Kriegen, weiteren Terrorakten der Al-Quaida und blutigen Gegenschlägen der Amerikaner und ihrer Verbündeten geprägt war.
Einen „Krieg gegen den Terror“ rief der damalige US-Präsident George W. Bush kurze Zeit nach den von langer Hand geplanten Anschlägen aus.
47 Staaten folgten ihm.
Gemeinsam mit den Amerikanern zogen Soldaten aus 19 Ländern in einen Feldzug gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein.
Später stellte sich heraus, dass dieser Irak-Krieg mit einer Lüge begründet war.
Nur allzu gern wollten die Amerikaner der Aussage eines in Deutschland lebenden irakischen Chemikers über eine mögliche atomare Bedrohung Glauben schenken. Und dies, obwohl der Bundesnachrichtendienst erhebliche Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Aussage hatte.
Der Irak-Krieg endete für die Amerikaner in einem Debakel.
Saddam Hussein und seine Getreuen wurden zwar aus dem Weg geräumt; aber der Krieg verlor mehr und mehr seine moralische Legitimität. Ein Bürgerkrieg brach aus, Schiiten kämpften gegen Sunniten, durch Bombenattentate verloren immer mehr Menschen ihr Leben.
Die Amerikaner mussten abziehen.
Auch in Afghanistan sieht es inzwischen nicht sehr viel besser aus. Zwar wurde mit Aufbauprojekten und der Ausbildung einheimischer Polizisten viel erreicht. Die Amerikaner und ihre Verbündeten, darunter auch die Bundeswehr, leisteten Beachtliches. Doch besiegt sind die Taliban-Kämpfer bis heute nicht.
Im Gegenteil: In letzter Zeit verstärken sie wieder ihre Angriffe.
Immer mehr Politiker der beteiligten Länder sprechen sich daher für ein baldiges Ende des miliärischen Engagements in Afghanistan aus.
So wird bald auch dieser Einsatz, der bereits vielen Soldaten und Zivilisten das Leben gekostet hat, zu Ende gehen, ohne dass das Land am Hindukusch wirklich befriedet ist.
Das traurige Fazit der letzten zehn Jahre: Mit militärischer Macht allein lassen sich Länder wie Irak oder Afghanistan nicht in friedliebende Demokratien verwandeln. Und terroristische Fanatiker werden nicht dadurch bezwungen, dass man ihre Handys und Computer überwacht.
Im Gegenteil: Der Rachefeldzug gegen muslimische Terroristen brachte immer neue hervor, darunter vor allem europäische Konvertiten.
Bushs „Krieg gegen den Terror“ hat also in Wahrheit alles nur noch schlimmer gemacht.
Statt eine kleine terroristische Gruppe von Fanatikern auszuschalten, gewann Al-Quaida durch den weltweiten Vergeltungs-Feldzug der Regierung Bush mehr und mehr an Einfluss. Es war genau das, was Osama bin Laden wollte.
Nüchtern feststellen muss man auch: Durch die Einschränkung der Freiheitsrechte, die in den USA besonders weitgehend ist, wurde die Welt nicht wesentlich sicherer.
Zwar waren viele Sicherheitsmaßnahmen absolut notwendig; viele Attentäter verstehen es aber trotzdem, sie geschickt zu umgehen. Trotz allen Überwachungs-Aufwands ist die Bedrohung daher nach wie vor vorhanden.
Die beiden spektakulärsten Attentatsplanungen waren die der so genannten Sauerland-Gruppe und die der beiden Kofferbomber, die 2006 in Köln zwei Regionalzüge in die Luft sprengen wollten.
Der erste islamistische Mordanschlag, der in Deutschland ausgeübt wurde, geschah am 2. März 2011, als ein in Deutschland lebender Kosovo-Albaner zwei US-Soldaten ermordete und zwei weitere verletzte.
Die Gefahr durch fanatisierte Attentäter besteht also weiterhin.
In Deutschland sollen sich über 100 junge Männer aufhalten, die in terroristischen Ausbildungslagern in Pakistan trainiert worden sind.
Weil islamistische Organisationen streng überwacht werden, ist glücklicherweise aber bis heute in Deutschland kein größerer Terroranschlag islamistischer Organisationen gelungen.
Eine große Gefahr geht allerdings weiterhin von Einzeltätern aus.
Dass es sich bei gewaltbereiten Fanatikern nicht immer nur um Islamisten handeln muss, zeigt der Fall des blonden Norwegers Anders Behring Breivik. Er sah durch den muslimische Einwanderer - und die multikulturelle Gesellschaft insgesamt - die Kultur des Abendlands bedroht. Ein Denkschema, das sich bei rechtsextremen Attentätern häufiger findet.
Etwas beruhigen kann die Tatsache, dass Osama bin Laden bei den allermeisten seiner Glaubensbrüder keinen Rückhalt für sein radikales Vorgehen fand.
Die islamische Welt verweigerte sich dem von ihm proklamierten „Heiligen Krieg“. Im Gegenteil: Viele muslimische Autoritäten erklärten immer wieder, dass solche Verbrechen nichts mit dem Islam zu tun haben und nicht durch den Koran gedeckt sind. Die Terroristen wurden dadurch isoliert.
Für viele Menschen aber bleibt das Gefühl der Bedrohung.
Seit den Anschlägen vom 11.September 2001 ist das Verhältnis zwischen Muslimen und Andersgläubigen häufig von Distanz und Misstrauen geprägt. Und dies, obwohl den meisten Menschen hierzulande klar ist, dass die gewaltbereiten Islamisten nur eine winzig kleine Minderheit sind.
Und die anderen Muslime, die zugewandert sind, nichts anderes wollen, als im Frieden hier zu leben.
Dass die 9/11-Anschläge eine Furcht erzeugt haben, die sich auf den Islam insgesamt richtet, zeigt eine europäische Vergleichsstudie des Instituts für Konflikt-und Gewaltforschung der Uni Bielefeld.
Demnach sagen in Deutschland 50 Prozent der Befragten, dass sie sich vor einem Angriff islamistischer Terroristen fürchten. In England sagen dies sogar 57 Prozent.
Diese Angst teilt übrigens aber auch die Mehrheit der Muslime in Europa. Sie sind keineswegs der Meinung, dass Terroristen Helden sind, sondern dass sie dem Islam und den Muslimen schweren Schaden zugefügt haben.
Das Beispiel fanatischer Extremisten darf daher von Seiten der Mehrheitsgesellschaft auch nicht dazu benutzt werden, die Mehrheit der Migrantinnen und Migranten pauschal zu diffamieren.
Leider geschieht dies durch manche so genannte Islamkritiker, die aber Islam und Islamismus nicht unterscheiden können, immer wieder. Vor allem im Internet.
In einem Land, in dem Migranten 20 Prozent der Bevölkerung stellen, wird es gar nicht anders gehen als dass Wege gefunden werden, auf gute und friedliche Weise – mitsamt der Unterschiede - zusammen zu leben.
Entscheidend dafür ist die regelmäßige Begegnung, das gegenseitige Kennenlernen und das Gespräch miteinander.
Vor allem der Sprach- und Integrationsförderung von Kindern und Jugendlichen kommt dabei ein besonders hoher Stellenwert zu. Denn bliebe es weiterhin so, dass ein großer Teil jugendlicher Migranten keinen oder einen schlechten Hauptschulabschluss und wenig Chancen für eine Berufsausbildung hat, wären die langfristigen Folgen – bis dazu, dass sie kriminell oder radikal werden könnten - absehbar.
Zu Integration, Dialog und dem Miteinander aller friedliebenden Kräfte in unserem Land gibt es daher keine vernünftige Alternative.
Denn wenn uns in Zukunft die Folgen des 11. Septembers 2001 immer noch weiter von den Migranten muslimischen Glaubens entfremden, wir wegen eventuell drohender Terrorakte immer mehr Prinzipien des Rechtsstaats aufgeben – hätten die Attentäter am Ende doch noch gesiegt.
Wolfgang Riewe
Der 11. September hat auch die Werbung verändert
Dieser Beitrag wurde am 10.9.2011 um 11.19 Uhr veröffentlicht.
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