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Love-Parade-Ermittlungen

Nicht vorschnell verurteilen

Der Trauergottesdienst in der Duisburger Salvatorkirche für die 21 Opfer der Love-Parade-Tragödie hat viele Menschen tief berührt. Lieder und Gebete waren ebenso einfühlsam gewählt wie die Worte der Predigten von Präses Nikolaus Schneider und Bischof Franz-Josef Overbeck.

Als dieser für die 21 Toten 21 Kerzen entzündete, kämpften viele mit den Tränen. Als erste Politikerin traf NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft genau den Ton, den man bei anderen Politikern und den Organisatoren in den letzten Tagen so schmerzlich vermissen musste. Sie verzichtete auf alle sonst übliche Distanz und stellte sich mit bewegenden Worten auf die Seite der Hinterbliebenen.

Angesichts des Todes von 21 jungen Menschen sei es schwer, die richtigen Worte zu finden, begann Kraft ihre Rede.

Alle hätten doch ihre ganze Zukunft noch vor sich gehabt. Sie könne nachempfinden, „was Eltern, Geschwister, Großeltern und Freunde durchlitten haben, die stundenlang auf ein Lebenszeichen warten mussten.“ Man nahm es ihr ab. Ihr 17-jähriger Sohn war ebenfalls auf der Love-Parade gewesen.

Es war gut, dass in den Fürbitten gegen Ende des Gottesdienstes nicht nur das Leid der Angehörigen und Besucher zur Sprache kam, sondern auch das vieler traumatisierter Rettungskräfte und Polizisten.

Denn sie mussten teilweise hilflos zusehen, wie die Katastrophe ihren Gang nahm, ohne noch eine Chance zum Eingreifen zu haben.

Von besonderer Bedeutung aber war es, dass eine der Fürbitten auch denen galt, „die Verantwortung tragen für das, was geschah.“ Diese Fürbitte lautete wörtlich: „Lass diejenigen, die an Schuld zu zerbrechen drohen, deine Barmherzigkeit erfahren. Bewahre uns alle davor, Menschen vorschnell zu verurteilen, damit Wut und Zorn nicht die Stadt regieren.“

In der Tat ist diese Gefahr groß.

Wut und Zorn vieler Menschen in Duisburg richten sich vor allem gegen zwei Männer: Oberbürgermeister Adolf Sauerland und Rainer Schaller, den Veranstalter der Loveparade. Schaller wird vorgeworfen, zu wenig Sicherheitspersonal gestellt und unzureichend mit der Polizei zusammen gearbeitet zu haben.


Sauerland soll Sicherheits-Warnungen in den Wind geschlagen und Widerstände innerhalb der Stadtverwaltung übergangen haben.

Zu weit geht es aber, wenn gegen den Oberbürgermeister Morddrohungen ausgestoßen werden und er sich am Tag der Trauerfeier vor seinen eigenen Bürgern verstecken muss.

Sicherlich hat er in seinem hohen Amt auf entsetzliche Weise versagt. Auch kann er die Verantwortung nicht auf nachgeordnete Dienststellen abwälzen. Aber ihn per Volkszorn vor Abschluss der Untersuchungen schon zu verurteilen und ihn allein an den Pranger zu stellen, wird dem wesentlich komplexeren Hergang der Katastrophe nicht gerecht.

Auf vier Bereiche konzentriert die Ermittlungsgruppe von Staatsanwaltschaft und Polizei denn auch ihre Arbeit: Die Rolle der Rettungskräfte und der Feuerwehr werden ebenso unter die Lupe genommen wie die der Polizei und die des Veranstalters, Rainer Schaller.

Zusätzlich werden die Vorgänge im Duisburger Rathaus beleuchtet.

Dort werden sich neben dem OB auch die Leiter des Ordnungs- und des Bauamtes entsprechende Fragen gefallen lassen müssen.

Die letzte Verantwortung in der Stadtspitze hat aber sicherlich der Oberbürgermeister. Er muss nun zur Verfügung stehen und aktiv zur Aufklärung beitragen. Auch seine Einschätzung und Fehleinschätzung sollte er klar benennen. Auch wenn ihn nicht die alleinige Schuld treffen sollte, wird er am Ende vermutlich den Hut nehmen müssen. Es sei denn, er wird vorher abgewählt.

Etwas sonderbar ist, dass die Staatsanwalt nun „gegen Unbekannt“ ermittelt.

Da stellt sich doch die Frage: Wer ist denn hier unbekannt? Der Veranstalter wohl sicherlich nicht. Auch nicht der Polizeichef. Und ebenso wenig der Oberbürgermeister. Vermutlich müssen gegen mehrere Verantwortliche strafrechtliche Ermittlungen geführt werden. Denn der Vorwurf der fahrlässigen Tötung könnte in Teilen womöglich verschiedene Stellen und Personen treffen.

Für die Organisation künftiger Großveranstaltungen wäre es von entscheidender Bedeutung, als Konsequenz aus der Katastrophe möglichst alle Schwachstellen genau aufzudecken.

Daraus könnten Bund und Land ein allgemein gültiges Sicherheitskonzept für ähnliche Massentreffen entwickeln. Auch für den Veranstalter, die Polizei, die Stadt Duisburg und andere Städte könnten die Erkenntnisse für künftige Großveranstaltungen von eminent wichtiger Bedeutung sein.

Dem Oberbürgermeister würde übrigens eine klare Benennung seiner Mitschuld sogar helfen.

Er könnte dann nämlich sein Amt ruhen lassen. Vermutlich würde das die aufgeheizte Stimmung in Duisburg erst einmal beruhigen. Wirklich wahrnehmen kann Adolf Sauerland sein Amt nach dieser Katastrophe ohnehin nicht mehr.

Wolfgang Riewe

Dieser Beitrag wurde am 1.8.2010 um 23.29 Uhr veröffentlicht.

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