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Krise der katholischen Kirche

Küng greift den Papst an

Einen offenen Brief an die katholischen Bischöfe weltweit hat der bekannte Tübinger Theologieprofessor Hans Küng am 15. April in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht. Küng fordert sie darin auf, dem Papst und der Kurie gegenüber nicht länger zu schweigen und Reformen anzupacken.

Küng fordert nicht weniger als ein neues Konzil. Beim Lesen des Textes fühlt man sich teilweise an die 95 Thesen erinnert, mit denen vor fast 500 Jahren der Wittenberger Mönch und Theologieprofessor Martin Luther von der römisch-katholischen Kirche durchgreifende Reformen forderte.

Auch Küng ruft seine Kirche zu einer Reform an Haupt und Gliedern auf.

Angesichts der Vertrauenskrise der römisch-katholischen Kirche appelliert er an die Bischöfe, jetzt ihre Autorität in die Waagschale zu werfen.

Der weltweit bekannte Theologe beruft sich dabei auf das Beispiel des Apostels Paulus, der Petrus „ins Angesicht widerstand, weil er sich selbst ins Unrecht gesetzt hatte“ (Galater 2, Vers 11). Er hält es für legitim, wenn in der heutigen Krise der Kirche die Bischöfe Druck auf die römischen Autoritäten ausüben, „wo diese dem Geist des Evangeliums und ihrem Auftrag nicht entsprechen.“

Papst Benedikt XVI. wirft Küng vor, sich gegen Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils gestellt zu haben.

Er fördere die mittelalterliche Tridentinische Messe, berufe illegal ordinierte Bischöfe der Pius-Bruderschaft und berufe reaktionäre Bischöfe und Vatikanbeamte. Das Pontifikat des deutschen Papstes beurteilt Küng „als eine Ära verpasster Gelegenheiten und nicht genützter Chancen“:

  • Vertan sei die Chance einer Annäherung an die evangelischen Kirchen, da sie nach Ansicht des Papstes und der Kurie „keine Kirchen im eigentlichen Sinne“ seien.
  • Vertan sei auch eine nachhaltige Verständigung mit den Juden. So habe der Papst eine vorkonziliare Fürbitte für die Erleuchtung der Juden wieder eingeführt und „notorisch antisemitische schismatische Bischöfe“ in die Kirche aufgenommen.
  • Vertan worden sei auch der vertrauensvolle Dialog mit den Muslimen. In seiner Regensburger Rede habe Benedikt XVI. den Islam als Religion der Gewalt und der Unmenschlichkeit karikiert und damit anhaltendes Misstrauen unter Muslimen bewirkt.
  • Vertan worden sei auch die Versöhnung mit den kolonisierten Urvölkern Lateinamerikas, denn der Papst behaupte allen Ernstes, sie hätten die Religion ihrer europäischen Eroberer „ersehnt“.
  • Durch Ablehnung der Empfängnisverhütung und das Verbot von Kondomen habe Rom auch gegenüber den afrikanischen Völkern versagt.
  • Außerdem hätten der Papst und die Kurie die Chance vertan, mit den modernen Wissenschaften Frieden zu schließen.

In der Summe lautet der Vorwurf Küngs: Joseph Ratzinger, der jetzige Benedikt XVI., hat den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils verraten.

Immer wieder relativiere er die Konzilstexte und interpretiere sie gegen den Geist der Konzilsväter nach rückwärts.

Nach Meinung von Küng entfernt sich der Papst außerdem immer mehr vom Kirchenvolk. Viele aktive Kirchenmitglieder fühlten sich mit ihren Nöten im Stich gelassen. Zehntausende Priester hätten ihr Amt aufgegeben, vor allem wegen des Zölibatsgesetzes.

Zu den vielen krisenhaften Entwicklungen kommt nun noch der Missbrauch von Kindern durch Klerikern, was – so Küng - zu einer schweren Vertrauenskrise der Kirche geführt hat.

An dieser Stelle holt der emeritierte Professor, der zusammen mit Joseph Ratzinger in den Jahren 1962-1965 am Konzil teilgenommen hat, zu einem besonders scharfen Hieb gegenüber seinem früheren Tübinger Kollegen aus:
„Es darf nicht verschwiegen werden, dass das weltweit in Kraft gesetzte Vertuschungssystem von klerikalen Sexualvergehen gesteuert war von der römischen Glaubenskongregation Kardinal Ratzingers (1981 . 2005).“

Die Missbrauchsfälle seien von ihm sogar unter strengste Geheimhaltung gestellt worden.

Die Folge der Vertuschung und der jetzigen Aufdeckung zahlreicher Fälle ist nach Ansicht von Küng ein verheerender Ansehensverlust der katholischen Kirche: „Zahllose untadelige und hochengagierte Seelsorger und Jugenderzieher leiden unter einem Pauschalverdacht.“

Nach Ansicht von Küng müssen sich die Bischöfe der Frage stellen, wie es jetzt mit der katholischen Kirche weitergehen soll.

Er fordert sie dazu auf, nicht länger zu schweigen und in Gemeinschaft mit anderen Bischöfen Reformforderungen an die Kurie zu richten.

Seiner Meinung nach müssen die Bischöfe auch in ihren eigenen Diözesen die Erneuerung der Kirche voranbringen.

Hier nennt Küng besonders das Zölibatsgesetz. Für durchaus möglich hält er es, dass auch einzelne Bischofskonferenzen vorangehen und Priestern die Erlaubnis zur Heirat geben.

Zur Lösung der aufgebrochenen Probleme ruft Küng die Kirchenführer auf, ihre bischöfliche Autorität in die Waagschale zu werfen und von Rom die Einberufung eines neuen Konzils zu fordern. Auch wenn die Kurie Widerstand leiste, sei dies unbedingt erforderlich: „Geben Sie Ihren Gläubigen Zeichen der Hoffnung und Ermutigung und unserer Kirche eine Perspektive.“

Sicherlich spricht Hans Küng mit diesem Brief vielen Menschen aus dem Herzen. Nicht nur Katholiken. Zu hoffen ist nun, dass sein Aufruf bei den katholischen Bischöfen Gehör findet. Und das er nicht an den Mauern des Vatikans abprallt.

Wenn einige der Bischöfe sich dazu durchringen, im Sinne Küngs durchgreifende Reformen einzufordern, könnte der gewaltige Vertrauensverlust, der sich auch auf andere Kirchen auswirkt, auf Dauer wieder gebremst werden.

Küng hat Recht: Auch wenn die Bischöfe sich in ihrer Weihe dem Papst zu uneingeschränktem Gehorsam verpflichtet haben – uneingeschränkten Gehorsam schulden sie dem Evangelium gemäß eigentlich nur Gott allein.

Wie sagte der Apostel Petrus vor dem Hohen Rat? „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apostelgeschichte 6, Vers 29).

Wolfgang Riewe

Dieser Beitrag wurde am 15.4.2010 um 18.49 Uhr veröffentlicht.

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