Neujahrspredigt
Käßmann: Klare Positionen vertreten
Ein hartes Jahr liegt hinter uns. Fast hätten Gier, Maßlosigkeit und Missmanagement die globale Wirtschaft in eine zweite große Depression gestürzt.
Nur durch gigantische Bankenrettungs- und Konjunkturprogramme konnte ein noch schlimmerer Absturz der Weltwirtschaft verhindert werden. Wir Deutschen sind bisher relativ glimpflich davon gekommen. Die massive Förderung der Kurzarbeit und die beiden Konjunkturpakete zeigen Wirkung. Erste Anzeichen einer konjunkturellen Erholung werden sichtbar.
Doch wie sich die wirtschaftliche Lage 2010 konkret weiter entwickeln wird, darüber wagt derzeit kaum jemand eine Prognose zu stellen. Da in der Weltwirtschaft viele Faktoren eine Rolle spielen, und sich die globalen Kräfteverhältnisse zugunsten der Schwellenländer verschieben, wird unsere eigene wirtschaftliche Zukunft unkalkulierbarer.
Trotz der wieder anziehenden Konjunktur haben viele Menschen weiterhin Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg. Das ist verständlich.
Im Blick auf die Zukunft ist Angst aber ein schlechter Berater. Angst löst Starre aus und verdüstert die Wahrnehmung. Die Deutschen gelten als besonders anfällig dafür.
»Wer die Zuversicht verloren hat, der gewinnt sie beim Anblick der wieder erstandenen Frauenkirche.«
Dieser Satz des Bundespräsidenten mir kam bei der Übertragung des Neujahrsgottesdienstes aus der Dresdner Frauenkirche manchen wieder in den Sinn. Bekanntlich waren es am Anfang nur ganz Wenige, die sich für den Wiederaufbau engagierten, gegen die Angst vieler Bedenkenträger.
Doch diesen Wenigen gelang es, die Begeisterung auf viele Menschen zu übertragen. So widerlegte das Projekt Frauenkirche – wie auch der gesamte Wiederaufbau Ost – eindrucksvoll das Klischee, die Deutschen seien kleinmütig und zu großen Leistungen nicht mehr fähig.
Es passte gut zur Symbolik des Ortes, dass Bischöfin Käßmann am Neujahrsmorgen von der Kanzel der Frauenkirche aus die Menschen im Land dazu aufrief, mit Hoffnung und Gottvertrauen in das neue Jahr zu gehen und mutig neue Schritte zu wagen.
Leider griffen einige Politiker und Medien aus dieser beeindruckenden Predigt nur die wenigen kritischen Sätze zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr heraus und warfen Käßmann Naivität und Hochmut vor. Sie setze sich „in einen Gegensatz zur Mehrheit des Bundestages“.
Dabei hatte die EKD-Ratsvorsitzende mit keinem Wort einen sofortigen Abzug deutscher Streitkräfte aus Afghanistan gefordert, wie unterstellt wurde.
Völlig zu Recht stellte sie vielmehr fest, das in Afghanistan Waffen „offensichtlich auch keinen Frieden schaffen“.
Statt immer mehr Truppen zu schicken, müsse über ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen, nachgedacht werden, sagte sie.
Das war zweifellos mutig. Ihr allerdings – wie geschehen – dafür „Hochmut“ zu unterstellen, zeigt einmal mehr, wie groß hierzulande die Neigung ist, stets und immer erst einmal das Negative sehen zu wollen.
Frau Käßmann hat lediglich die friedensethischen Positionen eingenommen, die innerhalb der EKD auch sonst vertreten werden.
So ist man sich innerhalb der EKD einig, dass
- nicht-militärischen Instrumenten prinzipiell der Vorzug zu geben ist.
- der Einsatz militärischer Mittel nur als „ultima ratio“ – „äußerstes Mittel“ – in Betracht kommt,
- Ziel militärischen Handelns die Wiederherstellung einer Friedensordnung ist
- die Gewaltanwendung das Prinzip der Verhältnismäßigkeit beachtet, und
- Auswirkungen der Kampfhandlungen auf die Bevölkerung unbedingt vermieden werden müssen.
Dieser Beitrag wurde am 6.1.2010 um 14.50 Uhr veröffentlicht.
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