Gewalt in England
Jugendliche ernst nehmen
Brennende Autos und Häuser, geplünderte Geschäfte, verletzte Polizisten – die Bilder der gewalttätigen Ausschreitungen aus Englands Großstädten sind schockierend. Viele fragen sich: Drohen solche Gewaltexzesse auch bei uns?
Als Ursache der Krawalle und Plünderungen sieht der britische Premierminister David Cameron nicht Armut und soziale Ausgrenzung, sondern einen Verlust an moralischen Werten. Doch trifft diese Diagnose zu?
Wer sich ausschließlich in den feinen Londoner Stadtvierteln Kensington und Knightbridge aufhält und die Welt der vornehmen Herrenausstatter und Damenboutiquen für die ganze Wahrheit hält, mag mit der Zeit wohl eine solche Weltsicht bekommen. Er kann aus dem Blick verlieren, was sich am anderen Ende der Stadt, in Tottenham oder Hackney, abspielt.
Dabei ist diese Welt der Armut und Gewalt nur wenige U-Bahnstationen entfernt.
Nach wie vor ist Großbritannien eine Art Klassengesellschaft. Zwar spielt der Adel im Königreich nicht mehr die führende Rolle. Aber an seine Stelle ist der Geldadel getreten.
Ihm folgt die nicht sehr breite Mittelschicht, die Arbeiter und schließlich die „Underdogs“. Einwanderer ohne viel Bildung. Oft ohne Arbeit. Vor allem ohne Chance.
Es sind die zahlreichen sozialen Probleme in den Armenvierteln, die wesentliche Ursache der jetzt aufbrechenden Konflikte sind.
Die Straßen dort sind heruntergekommen, die Wohnblocks marode, die Schulen vernachlässigt. Ausbildungsplätze finden Jugendliche hier so gut wie keine, Jobs auch nicht.
Gewalt, Kriminalität und Drogenmissbrauch sind Folge ihrer Perspektivlosigkeit.
Das harte Vorgehen der Regierung gegen die Randalierer war zwar notwendig, um wieder Herr der Lage zu werden. Ein Patentrezept auf Dauer aber ist es nicht. Vielmehr muss die Politik das Kernproblem angehen und sich endlich intensiver um die Armenviertel kümmern.
Vor allem muss die Bildung und Ausbildung der Jugendlichen verbessert werden, damit sie je eine Chance haben.
Wer bei uns will, dass es nicht so endet wie in London, muss ebenfalls die Probleme der Jugendlichen ernster nehmen als bisher.
Zwar sind in Deutschland „nur“ 9, 1 Prozent der Jugendlichen arbeitslos. Doch sind dies immer noch 430 000 zu viel. Die Wahrscheinlichkeit ist auch hier groß, dass Jugendliche, die keinerlei Perspektive sehen, ihrer Wut irgendwann freien Lauf lassen.
Die Anstrengungen, auch weniger Qualifizierte ins Wirtschaftsleben einzubinden, dürfen daher nicht nachlassen.
Und auch eine stärkere Regulierung von befristeten Arbeitsplätzen und Minijobs tut Not.
Tottenham ist ein Fanal!
Wolfgang Riewe
Dieser Beitrag wurde am 16.8.2011 um 10.52 Uhr veröffentlicht.
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