Lebensmittel-Vernichtung
»Frisch auf den Müll«
Die Hälfte unserer Lebensmittel landet im Müll. In Deutschland sind das allein rund 20 Millionen Tonnen pro Jahr. Dabei könnte man vieles davon noch mit Appetit essen.
Welche Folgen diese gigantische Verschwendung hat, zeigte der Filmemacher Valentin Thurn in einer aufrüttelnden Dokumentation, die kürzlich die ARD ausstrahlte. Ein großer Teil der Lebensmittel wird bereits auf dem Acker vernichtet oder gar nicht erst geerntet. Der Grund: Der Handel nimmt dem Landwirt nur optisch optimale und standardisierte Produkte ab.
Die Lebensmittelkonzerne behaupten, der Kunde möchte keine großen Kartoffeln, keine kleinen Äpfel oder krumme Salatgurken. Dieses trifft für die meisten Verbraucher aber gar nicht zu.
Der Handel setzt allein deshalb so viele Normen, weil es für ihn praktischer ist. So passen zum Beispiel gerade Gurken besser in Kisten und lassen sich platzsparender transportieren. Dramatische Folgen haben die Normen für kleine Bauern in Afrika.
Sie können gar nicht so große Mengen produzieren, um die Lebensmittelnormen in Europa zu erfüllen.
In seinem Film lässt Valentin Thurn eine Supermarktverkäuferin zu Wort kommen: „Wir haben bestimmte Artikel, die Tagesartikel sind, wie Lauchzwiebeln, Radieschen oder Kopfsalat. Die dürfen wir immer nur einen Tag verkaufen. Es muss einfach nur perfekt aussehen.“
Der Rest kommt in den Müll. Ebenso wie 500 000 Tonnen Brot pro Jahr. Jedes fünfte Brot, das gebacken wird, bleibt abends übrig.
Wenn man bei den Supermärkten nachfragt, bekommt man meist als Antwort: „Die Reste geben wir an die örtlichen Tafeln weiter.“ In manchen Fällen stimmt das zwar. Was an die Tafeln weitergegeben wird, ist aber nur ein kleiner Teil der riesigen Überschussberge.
Warum ist das so, dass selbst noch kurz vor Feierabend die Regale in den Bäckereien gut gefüllt sind und sogar noch Brötchen nachgebacken werden?
Ein Bäcker erzählt in dem Film, dass die Supermarktbetreiber großen Wert darauf legen, dass abends die Brotregale noch voll sind. Sie behaupten, der Verbraucher verlange auch kurz vor Feierabend noch diese Produktvielfalt.
Hinter dem kalkulierten Überschuss steckt aber ein Verdrängungswettbewerb des Lebensmitteleinzelhandels, der inzwischen in der Hand von acht Unternehmen ist.
Sie verlängern die Öffnungszeiten, um neue Kunden für ihre Kette zu gewinnen. Diese werden damit angelockt, dass sie bei ihnen auch abends noch das volle Angebot bekommen. Kann ein Filialbäcker dies nicht einhalten, droht die Marktleitung ihm mit Kündigung des Mietvertrages.
Konsequenz dieser Überproduktion vor allem bei Brot und Milchprodukten ist aber, dass frische Ware, die am Abend noch in den Regalen liegt, am nächsten Morgen weggeworfen werden muss.
Der Film „Frisch auf den Müll“ zeigt eindrucksvoll, dass diese Reglementierungen verheerende Folgen haben. Denn die gigantische Lebensmittelproduktion verschlingt riesige Mengen an Energie, Wasser und Dünger.
Für die Verschwendung hier in Europa werden anderswo Wälder gerodet. Dies wiederum schadet dem Klima.
Eine andere Folge: Wenn bei uns Brot weggeworfen wird, führt das zu einem erhöhten Weizenpreis in Afrika oder Bangladesh.
Die Ärmsten der Armen haben plötzlich keine Kaufkraft mehr. So wird sichtbar, dass unsere Wegwerfmentalität hier anderswo zu Hunger führt.
Leider werden nicht nur auf vielen Höfen und im Handel, sondern auch in Haushalten viele Lebensmittel vernichtet. Thurn zitiert eine Berechnung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK): Demnach wirft ein durchschnittlicher deutscher Haushalt jedes Jahr Lebensmittel im Wert von rund 387 Euro in den Müll.
Zusammen sind das fast 20 Milliarden Euro.
Das ist nicht nur sehr viel Geld, sondern auch enorm viel Anbaufläche, sehr viel unnötig verbrauchte Energie und viel sinnloser CO2-Ausstoß.
Es ist sehr zu begrüßen, dass der auch vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) geförderte Film all diese Zusammenhänge deutlich vor Augen führt.
Ebenso, dass Thurn auch zeigt, wie es denn besser gehen könnte.
Drei Handlungsmöglichkeiten weist der Filmemacher auf:
- Mehr Verantwortung bei den Händlern,
- mehr Einmischung durch die Politik,
- mehr Bewusstsein beim Verbraucher.
Dass auch jede/r Einzelne etwas tun kann, ist eine sehr wichtige Botschaft dieses Films. Thurn erhebt nicht nur den Zeigefinger, sondern macht deutlich, dass alle Menschen durchaus auch etwas davon haben, wenn sie ihr Konsumverhalten ändern.
Wenn Konsumenten zum Beispiel saisonal und regional Lebensmittel einkaufen, bekommen sie eine ganz andere Qualität und ein anderes Qualitätsbewusstsein.
Sie genießen weniger, dafür aber frische und gesunde Ware. Nicht extrem stark behandelte, konservierte und künstlich frisch gehaltene.
Ein richtiger Schritt in Richtung eines bewussteren und verantwortlicheren Umgangs mit Lebensmitteln ist das System „Gemüsekiste“.
Hierbei ist der Verbraucher Abonnent. Er bekommt jede Woche regelmäßig von Höfen aus der Region genau das, was die Landwirte dort gerade geerntet haben.
Diese brauchen keine standardisierte Ware mehr zu produzieren und müssen auch kaum noch etwas wegwerfen.
Die Kunden haben den Vorteil, dass sie das Gemüse nach Haus geliefert bekommen und wissen, aus welcher Produktion es stammt. Sie haben die Garantie, dass es nicht weit transportiert wurde, wenig oder kaum behandelt wurde - und dass es frisch ist.
Gut an dem Film Thurns ist, dass er nicht bei der Anklage stehen bleibt.
Er macht vielmehr deutlich, wie positiv sich schon kleine Veränderungen auswirken würden. Bereits mit nur einem Drittel der Menge an Lebensmitteln, die in den Industrieländern weggeworfen werden, könnte man den Welthunger besiegen, so seine These.
Thurn gesteht zwar ein, dass die Endverbraucher nicht direkt auf die Mengen einwirken können, die in der Produktion oder im Handel weggeworfen werden.
Er zeigt auf der Internetseite www.tastethewaste.com aber zahlreiche Möglichkeiten auf, wie jeder Einzelne seinen Teil zur Müllvermeidung beitragen kann – sei es durch Resterezepte oder ein klügeres Einkaufsverhalten.
Die ermutigende Botschaft des Films lautet: Wir alle können etwas tun, um überflüssiges Wegwerfen von Lebensmitteln zu verhindern oder zu vermeiden.
Es macht Sinn, selbst gegen Verschwendung und Hunger aktiv zu werden. Fangen wir im Kleinen damit an!
Wolfgang Riewe
Dieser Beitrag wurde am 25.10.2010 um 08.27 Uhr veröffentlicht.
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