Sieben Wochen ohne
Fasten macht frei
Mit der Passionszeit beginnt auch die Fastenzeit. Für viele ist das der Startschuss, endlich einmal etwas „abzuspecken“. Die einen verzichten auf Fleisch, die anderen auf Wein oder Süßigkeiten. Beim Fasten geht es um weit mehr um Verzicht auf Fett und Alkohol, um mehr als Fitness und Schlankheitsideale: Es geht um Freiheit.
Die meisten Menschen möchten durch Fasten und Diäten ihr Gewicht reduzieren. Sie wollen im Frühjahr wieder etwas schlanker werden, um sich fit und gesund zu fühlen. Dazu gibt es hunderte von Angeboten, die die verschiedensten Ratschläge geben.
Das religiös motivierte Fasten während der Passionszeit, in der glaubende Menschen den Leidensweg Jesu betrachten und nachvollziehen, ist dagegen lange Zeit fast völlig aus der Mode gekommen. Erst kirchliche Initiativen wie „Sieben Wochen ohne“ haben die spirituelle Dimension des Fastens den Menschen wieder näher gebracht.
Dass Selbstbegrenzung und bewusster Verzicht frei machen können, ist eine Erkenntnis, die allmählich wieder an Boden gewinnt.
Lange war das Fasten im evangelischen Bereich fast in Vergessenheit geraten. Geblieben war meist nur noch die Sitte, am Gründonnerstag Gemüse oder Suppe, und am Karfreitag Fisch statt Fleisch zu essen.
Inzwischen wird das Heilfasten wieder entdeckt. Diejenigen, die es versucht haben, stellen erstaunt fest: Verzicht nimmt nicht, sondern gibt! Verzicht macht frei und gibt Kraft, wieder zum Wesentlichen vorzudringen.
Wer an einem Ort wie dem „Haus der Stille“ in Bethel oder Kloster Kirchberg bei Balingen an einem Fasten- und Meditationskurs teilgenommen hat, entdeckt das bewusste, einfache Leben neu. Er oder sie wird leichter, feinfühliger, wacher.
Die Sinne werden geschärft.
Man wird achtsamer, alles riecht und schmeckt intensiver. Auch spirituelle Impulse wie Bibelworte oder Gesangbuchverse werden viel tiefer aufgenommen.
In den Tagen des Fastens werden nicht nur die körperlichen, sondern auch die seelischen „Schlacken“ abgebaut, stellen Teilnehmer solcher Fastenkurse fest. Man denkt intensiver über das eigene Leben nach und dringt in spirituelle Tiefendimensionen vor.
Deshalb heißt es schon in den Apokryphen bei Tobias; dass Beten, Fasten und Almosengeben „besser ist als goldene Schätze sammeln.“ Beten als Liebe zu Gott, Fasten als intensivierte Beziehung zu sich selbst, und das solidarische Teilen als liebevolle Beziehung zum Nächsten – dies alles gehört zusammen.
Konkret sieht der Ablauf so aus: Am ersten Tag gibt es viel Obst, damit der Magentrakt entlastet wird. Am zweiten Tag beginnt man mit Glaubersalz, um den Darm zu reinigen. Die Teilnehmer ernähren sich in den nächsten Tagen von Gemüsebrühe, Saft und Tee.
Vor allem müssen sie viel trinken, zwei bis drei Liter pro Tag.
Allmählich spürt der Körper dann auch keine Hungergefühle mehr. Man fühlt sich positiv gestimmt und leistungsfähig.
Viel Bewegung ist in der Zeit des Fastens wichtig. Körperliche und geistige Bewegung. Deshalb geben die Kursleiter den Teilnehmenden spirituelle Impulse mit, die sie auf ihren Spaziergängen und Wanderungen betrachten können.
Auch Schweigezeiten gehören dazu.
Dadurch verstärkt sich die Wendung des Menschen nach innen.
Am Ende einer Fastenzeit ist es wichtig, ganz langsam wieder aufzubauen. Auch das sollte am besten unter Anleitung geschehen.
Fastenkurse gibt es neben dem „Haus der Stille“ in Bethel, Rengsdorf oder Weitenhagen auch in anderen evangelischen und katholischen Einkehrhäusern, wie zum Beispiel der Abtei Königsmünster in Meschede, dem Sonnenhaus Beuron im Donautal, dem Geistlichen Zentrum Schwanberg in Rödelsee, Stift Urach oder Kloster Kirchberg in Württemberg.
Wolfgang Riewe
Dieser Beitrag wurde am 19.2.2010 um 07.57 Uhr veröffentlicht.
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