Weg vom Mangeldenken
Es ist genug da für alle
Nichts hat uns bei UK in letzter Zeit so sehr in den Dialog mit Lesern der Print-Ausgabe und Nutzern des online-Auftritts gebracht wie unsere Glaubenskurs-Serie.
Eine Frage, die dabei immer wieder auftaucht, lautet: Wenn in Judentum und Islam zum Teil ganz ähnliche Dinge gelehrt werden - was ist denn dann noch das Besondere am Christentum? Die Antwort, die ich hierauf geben kann, ist sicher für manche zunächst einmal enttäuschend, dann aber auch erhellend. Denn zunächst muss ich sagen, dass das Christentum tatsächlich mit anderen Religionen vieles gemeinsam hat.
Vor allem mit dem Judentum, der Wurzel, aus der es erwachsen ist.
Vieles im christlichen Glauben ist anderswo ähnlich gedacht worden: Im Islam, im Buddhismus - teilweise sogar in den Religionen der Urvölker Afrikas oder der Indianer. Ganz offensichtlich gibt es ein religiöses Nachdenken und Suchen, das allen Menschen gemeinsam ist.
Zum anderen Teil der Frage, was denn den christlichen Glauben von allen anderen Formen menschlicher Frömmigkeit unterscheidet - ob es nun die berühmten „christlichen Werte“ sind oder was sonst, ist zu sagen: Nein, nicht die Werte, nicht die Moral, nicht die Dogmen sind es.
Was den christlichen Glauben von allen anderen Formen menschlicher Frömmigkeit unterscheidet, ist nichts als eine einsame Gestalt der Geschichte. Es ist die Person des Zimmermannsohns aus Nazareth.
Und das, was er gesagt und wie er gelebt hat - bis hin zu seinem Tod.
Die Geschichten der Evangelien nehmen uns mit auf die Wanderungen Jesu durch die Dörfer seiner galiläischen Heimat. Die Menschen, denen er begegnet, die auf den Feldern oder am See ihrer Arbeit nachgehen, waren zum größten Teil arm und unfrei. Beherrscht und ausgebeutet von Großgrundbesitzern und der römischen Besatzungsmacht.
Manche schufteten als Tagelöhner.
Andere dienten den Römern als Mitläufer oder Zolleintreiber. Ein dritter, kleiner Teil, lebte ganz nach innen, mit dem Studium der heiligen Schriften beschäftigt. Ihnen allen wendete Jesus sich zu.
Das Erste, was an diesen Geschichten auffällt ist, wie Jesus den Armen und Ausgegrenzten begegnete.
Viele von ihnen galten dem religiösen Establishment als haltlos, böse, „verkommen“. Jesus sagt: „Sie sind nicht verkommen“ - „Sie sind verloren.“ Damit meinte er nicht: „Sie sind vor Gott verloren.“ Sondern: „Wir haben sie verloren.“ Sie sind uns verloren gegangen. Und wir müssen uns aufmachen, sie wieder zu suchen.
Vielleicht wäre das ja auch für die Kirche von heute eine neue Sicht der Dinge.
Nicht länger zu sagen: „Die sind ausgetreten“. Sondern: „Wir haben sie verloren. Und wir müssen alles tun, sie wieder zu finden.
Das Zweite, was auffällt: Jesus sieht nicht so sehr die Fehler und Verstöße dieser Menschen, sondern die Alltagslast, die sie zu tragen haben.
Er versteht es nicht als seine Aufgabe, ihnen noch zusätzliche moralische Lasten aufzubürden. Sondern sagt: „Kommt her zu mir mit all eurer Last! Ich will sie euch abnehmen. Aufatmen sollt ihr und frei sein!“ (Matthäus 11, 28f.)
Hier wird schon klar: Jesus ging es nicht um Moral. Um das Einschärfen moralischer Werte.
Ihm ging es vielmehr um Entlastung und Befreiung.
Darum beginnt er seine Rede auf dem Berg auch nicht mit den Zehn Geboten, sondern mit der Seligpreisung der Armen. All derer, die auch vor Gott mit leeren Händen dastehen. Ihnen macht er deutlich, wie sehr sie vo´m himmlischen Vater angesehen und geliebt sind.
Jesus ging es darum, verzagte Menschen zu ermutigen, sie wieder auf die Füße zu stellen.
Auf diese Weise machte er Lahme sehend, Blinde gehend. Richtete die Kranken aus ihren Betten auf. Und weil das so einzigartig war, laufen ihm die Menschen nach.
Matthäus erzählt, dass sie ihm sogar in die einsamsten Wüstengegenden nachlaufen. Dorthin wollte sich Jesus nämlich zurückziehen, nachdem er von dem schrecklichen Tod Johannes des Täufers gehört hatte.
Doch findet er auch dort keine Ruhe. Die Menschen folgen ihm.
Später - bei den ersten Mönchen - war das nicht anders. Antonius und all die anderen, die man „Wüstenväter“ nennt, wollten nix wie raus aus den überfüllten ägyptischen Städten. Wollten in Ruhe beten und meditieren. Doch das gelang ihnen kaum drei Wochen lang.
Dann setzte der Tourismus ein.
Bis heute haben Eremiten eine ungeheure Faszination. Offenbar erwartet man von denen, deren Gedanken sich in der Stille geklärt haben, viel eher Seelsorge und Hilfe als von Großstadtpastoren, die einen gestressten Eindruck machen.
Als Jesus in der Wüste ankam, waren die Touristenbusse jedenfalls schon angekommen.
Jesus sah all die vielen Menschen. Und obwohl er ja eigentlich allein sein wollte, lässt er sich anrühren.
„Tiefes Mitgefühl ergriff ihn“, heißt es in einer neueren Bibel-Übersetzung. Luther übersetzte: „Sie jammerten ihn.“
Das heißt: Das Geschick der Menschen ging ihm ans Herz.
Der Evangelist Matthäus berichtet im 14. Kapitel seines Evangeliums nicht wie sein Kollege Markus, dass Jesus nun eine lange Rede hielt. Er erzählt vielmehr nur, dass Jesus die Kranken heilte.
An anderer Stelle wird in Heilungsgeschichten deutlich, wie er das tat. Mit welcher Empathie er sich der Menschen annahm, die an Leib und Seele beschädigt waren.
Es sind so viele, die er heilen muss, dass es darüber Abend wird.
Und die Jünger kommen und sagen: „Nun schick’ sie doch endlich fort! Sie können ja ins nächste Dorf gehen und sich was zu essen kaufen.“
Aber Jesus ist wieder für eine Überraschung gut. „Das ist nicht nötig“, sagt er: „Gebt ihr ihnen zu essen!“
„Wir haben aber nur fünf Brote und zwei Fische“, entgegnen sie.
Doch Jesus hört nicht auf diese Bedenkenträger, die sich auch heute noch zuhauf unter seinen Jüngern finden.
Er bittet die Leute, sich ins Gras zu setzen, nimmt die fünf Brote und die zwei Fische, blickt zum Himmel auf, dankt Gott dafür. Und verteilt.
Es sei gar kein Speisevermehrungswunder gewesen, kritteln einige Ausleger an dieser Bibelstelle herum. Es sei vielmehr „ein Sozialwunder“ gewesen. Die Menschen hätten geteilt, was sie dabei hatten.
Nicht Brot- und Fisch hätten sich vermehrt, sondern die Großzügigkeit der Herzen.
Ach ja, über all so etwas lässt sich trefflich streiten. Ich bin so realistisch, auch immer wieder mit Wundern zu rechnen…
Wie auch immer – die Pointe ist dieselbe: Es ist genug da für alle da.
Genug, auch für dich und mich. Das ist das, was mich an Jesus fasziniert: Wenn andere vom Mangel sprechen, geht er überhaupt nicht drauf ein. Kommt ein Kranker zu ihm, überspringt er die Eingangsphase, in der man normalerweise wie ein Arzt fragt: „Seit wann haben Sie das denn? Wo genau tut’s weh?“
Jesus sieht den Menschen an, schaut in sein tiefstes Innen und wird sehr schnell sehr konkret: „Steh auf, nimm dein Bett und geh“, sagt er.
Jesus sieht also nicht die Krankheit im Kranken, sondern seine Gesundheit. Nicht die Armut im Armen, sondern seinen Reichtum. Nicht den vorhandenen Mangel, sondern die Möglichkeiten. Er sieht nicht, was vor Augen ist, sondern was in den Herzen der Menschen noch an Potenzial schlummert.
„Gebt ihr ihnen zu essen! Es ist genug da für alle!“
Jesus hat die Leute jedenfalls nicht weggeschickt. Er hat nicht gesagt: „Wir müssen die Sache hier nun ‚mal leider beenden. Wir müssen die Einrichtung schließen, denn die Kosten sind nicht refinanzierbar.“
Jesus hat das genommen, was da war, hat dafür gedankt und dann geteilt. Und daher braucht nun keiner, nur weil es knapp ist, zu kämpfen und zu raffen, damit er ja noch etwas abbekommt.
Nein: Wenn alle wissen, dass eigentlich genug da ist, kann aus dem Verteilungskrieg ein Miteinander des Teilens und Genießens werden.
„Gebt ihr ihnen zu essen! Es ist genug da für alle!“ Heute sind damit die hungernden Menschen in Ostafrika gemeint. Und auch die Armen vor unserer eigenen Haustür.
„Alles selber essen macht fett“, hat Klaus-Peter Hertzsch einmal formuliert, mit anderen teilen glücklich.“
Das Ehepaar Förster aus Oerlinghausen hat das erfahren.
Die Kinder der Försters sind schon lange ausgezogen. Das große Haus steht halb leer. Da lesen die Beiden in der Zeitung, dass eine Hilfsorganisation Gastfamilien sucht für Menschen, die nicht mehr in der Umgebung des Kernkraftwerks Fukushima leben wollen.
Die Försters erklären sich zur Aufnahme bereit. So lebt nun eine junge Frau aus Japan mit ihrem kleinen Jungen bei ihnen in Oerlinghausen.
Die Japanerin hatte Sorge um ihren Sohn, dass ihn die hohe Strahlenbelastung krank machen könnte.. So sind sie nach Deutschland gekommen. Und fühlen sich dort sehr wohl. Die junge Frau singt sogar schon im Kirchenchor.
Und die Försters sagen: „Wir sind richtig glücklich. Das Zusammenleben mit den beiden ist schön. Jetzt haben wir wieder eine Tochter und ein Enkelkind.“
Was befreit aus der Fixierung auf den Mangel?
Es ist der Blick auf den Reichtum. Der Blick auf die Fülle, die uns geschenkt ist! ´
Wir sind mit vielen Gaben und Möglichkeiten beschenkt. Und diese Gesellschaft, diese Kirche ist sehr reich. Ungeheure Potenziale sind vorhanden. Und doch ist des Klagens kein Ende….
Das Evangelium ist das aber nicht!
Das Evangelium lautet: „Es ist genug da für alle.“ Teilen macht reich. Und das Leben ist mehr als Arbeit und Sorge, kämpfen und raffen. Mehr Vertrauen, mehr Freude, mehr lieben, mehr teilen, mehr ich und du, mehr „wir“ unter Gottes weitem Himmel.
Wolfgang Riewe
Dieser Beitrag wurde am 16.9.2011 um 05.32 Uhr veröffentlicht.
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