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Käßmann EKD-Ratsvorsitzende

Eine Frau an der Spitze

Die Wahl der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann zur EKD-Ratsvorsitzenden ist in Kirche und Öffentlichkeit auf große Zustimmung gestoßen. Damit steht erstmals eine Frau an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Mit ihrer warmherzigen und emotionalen Art spricht die vierfache Mutter viele Menschen an, vor allem die Frauen an der kirchlichen Basis, die sich von ihr gut vertreten wissen.

Die Sehnsucht der Menschen nach Glauben und Sinn könne in der Kirche eine Antwort finden, sagte die 51-jährige in ihrer mit viel Beifall bedachten Antrittsrede vor der EKD-Synode in Ulm. Dort bekam sie gleich im ersten Wahlgang 132 von 141 gültigen Stimmen Nur fünf stimmberechtigte votierten mit Nein, vier enthielten sich.

Sie fühle sich von diesem klaren Votum berufen und getragen, sagte Käßmann, die neben dem Vorsitz im Rat der EKD weiterhin auch in Hannover die größte deutsche Landeskirche leiten wird. Die Nachfolgerin Bischof Hubers erklärte, dass sie das Profil der evangelischen Kirche schärfen, aber auch das gute Miteinander mit der katholischen Kirche suchen werde.

Dass es Probleme mit der katholischen Kirche geben werde, nur weil sie eine Frau ist, glaubt sie nicht. Die Kirchen verbinde viel mehr, als sie trenne, sagte Margit Käßmann.

Entsprechend freundlich gratulierte ihr zur Wahl der katholische Bischof von Rottenburg-Stuttgart, als er in Ulm der EKD-Synode einen Besuch abstattete.

Auch der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, fand warmherzige und verbindende Worte: „Unser Weg als Christen ist ein Weg der Ökumene“, schrieb er der neuen Repräsentantin der evangelischen Glaubensgeschwister.

Im Vorfeld der Wahl hatte es Spekulationen darüber gegeben, ob eine geschiedene Bischöfin das höchste Amt der Evangelischen ausüben könne, und welche Reaktionen dies auf Seiten der römisch-katholischen Kirche auslösen werde.

In Ulm löste Respekt aus, dass Margot Käßmann bei der Kandidatenvorstellung offen ihre Scheidung ansprach: „Mit Trauer musste ich mich damit auseinandersetzen, dass mir ein andres Geschenk, nämlich das einer lebenslangen Ehe, nicht gewährt wurde.“

Die Trennung von Ehemann Eckhard Käßmann unmittelbar nach einer Brustkrebserkrankung hatte die Mutter von vier erwachsenen Töchtern sehr belastet. Ehe und Familie bleiben für sie dennoch wichtige Werte: „Aber Menschen können scheitern, das habe ich sehr bitter erleben müssen.“

Es ist diese Offenheit, auch zu den Krisen des Lebens zu stehen, die Margot Käßmann den Menschen so nahe bringt. Sie finden darin ihre eigenen Lebensbrüche wieder. Positiv wirkt auch auf viele Menschen, dass die Bischöfin aus Hannover - ähnlich wie Präses Alfred Buß oder wie ihr Stellvertreter Nikolaus Schneider - eine einfache Sprache spricht.

Mit Begriffen wie „Gnade“ oder „Rechtfertigung allein aus Glauben“ könnten Menschen heute oft nichts mehr anfangen, meint sie. Sehr wohl aber verstünden sie, was es heißt, schuldig zu werden, jemandem etwas schuldig zu sein und zu wissen, „dass man Ansehen hat, wenn Gott uns ansieht.“

„Evangelische Spiritualität“ ist eines der wichtigsten Themen Margot Käßmanns. In Glaubensfragen darf es für die zierliche Frau mit den großen, dunklen Augen aber keine Denkverbote geben, sofern nur die Bibel, Jesus Christus, Gesangbuch und Gebet Zentrum des Glaubens bleiben.

Aus ihrem Glauben schöpft sie Orientierung für all die persönlichen und gesellschaftspolitischen Fragen, die heute zu klären sind. Dabei nimmt sie stets klare Positionen ein: Den Sonntag ehren, Advent nicht schon im Oktober feiern, den Angestellten der Diakonie angemessene Löhne zahlen, Flüchtlinge aus Afrika aufnehmen, etwaige Misshandlungen ehemaliger Heimkinder schonungslos offen legen.

Man spürt es dieser Bischöfin an, dass sie nicht von der Hochschule her kommt, sondern eher aus der Gemeindearbeit. Denn wo auch immer die Bischöfin zu den Menschen spricht, findet sie die Nähe zu ihren Alltagsproblemen.

Viele Zuhörer suchen daher im Anschluss an den Gottesdienst oder die Veranstaltung noch das Gespräch mit ihr. Dabei versprüht sie immer auch viel von ihrem Humor und ihrer Lebensfreude. Dem Verlorenen nicht nachzutrauern, sondern das Gelungene anzunehmen – das versucht sie den Menschen zu vermitteln.

In dem gerade erschienen Buch „In der Mitte des Lebens“ schreibt sie: „Ich schaue gern zurück und ohne Angst nach vorn.“

Wolfgang Riewe


Dieser Beitrag wurde am 30.10.2009 um 19.50 Uhr veröffentlicht.

Kommentare lesen
Schallblech schrieb am 31.10.2009 15:58:

Ich hab gehört, daß sie Posaune spielt und zumindest früher mal einem Posaunenchor angehört hat. Das macht sie mir NOCH sympatischer ;-)

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