Luxus
Versuchung und Erlösung
Ach, so ein schöner Kugelschreiber.
Immer wieder lächelt mich dieses starke Stück aus dem Schaufenster an, wenn ich in der Innenstadt daran vorbeilaufe. Aber an die 1000 Euro? Das ist selbst für einen professionellen Vielschreiber ein bisschen zu viel des Guten. Und trotzdem ...
»Haben!«, schreit alles in mir, wenn ich das Objekt der Begierde sehe. »Nimm mich«, säuselt die schwarze Schönheit aus ihrer Luxusauslage zurück. Ja, dieses Teil ist der Inbegriff gediegener Schreibkultur. Jeder, der auch nur ein wenig mit texten und formulieren zu tun hat, kennt es. (Die Marke wollen wir hier nicht nennen; aber der Name erinnert verdächtig an einen weltbekannten Berg in den westlichen Alpen.)
Nur: Leisten kann sich diesen Ausnahme-Kugelschreiber fast keiner (jedenfalls keiner, der sein Geld mit Schreiben verdient).
Aber einmal, ja ich gestehe es, einmal, da habe ich es gewagt, mich dieser klassischen Schönheit zu nähern. Ich bin einfach in den Schreibwarenladen getreten - natürlich einer des gehobenen Preissegments, versteht sich; die normalen Läden für dich und mich führen dieses Gerät gar nicht. Habe mich zur kleinen, aber feinen Theke mit den Luxusausführungen von Federhaltern, Kugelschreibern und Tintenrollern gewandt. Und dann forsch nach ... na, Sie wissen schon, nach DEM Kugelschreiber verlangt.
Ein Traum. Sanft schmiegt die Schönheit ihre ebenholzschwarze Haut an den Finger. Ein einziges großes Versprechen: »Immer will ich dich umschmeicheln.« Warm und weich die Oberfläche, dezent mit Gold geschmückt. Aber fest genug, um dem Schreibenden zu signalisieren: »Was immer du willst: Ich bin ganz in deiner Hand. Ich werde deinen Wünschen folgen; dir helfen, deine kühnsten Träume zu formulieren - egal, was da in den Tiefen deiner Seele schlummert. Ich stehe zu dir - schwarz auf weiß. Und wenn ich die letzte wäre, die zu dir hält.«
Und dann lässt die Diva deine Hand übers Papier gleiten, Buchstabe für Buchstabe. Eine Offenbarung. Du willst nie mehr wieder aufhören. Hier eine gewagte Wendung, da eine Kapriole. Welchen Haken du auch schlägst: Die Diva verzieht keine Mine. Sie treibt dich voran, voran, voran ...
Ah, tut das gut ...
Aber seien wir ehrlich: Wer jenseits der 40, der auch nur ein bisschen Lebenserfahrung besitzt, glaubt solchen Versprechungen noch? Der Dichter sagt: »Unsere Träume platzen wie Seifenblasen, wenn sie den Boden berühren.« Jaja, erst lodert das Feuer. Aber wenn die Flammen alles gierig verzehrt haben, kann der Alltag schnell zum Aschehäufchen mutieren.
Heute bin ich wieder in einen Schreibwarenladen gegangen. Nicht in so einen für die, die nur noch ihre Schecks selbst unterschreiben. Nein, in einen Laden für Normalos. Da gab es einen Kuli, der sieht der schwarzen Luxus-Diva verdammt ähnlich. Klar, das Gold ist nicht echt. Und die Miene war auch ein wenig kratzig. Aber dafür vermittelte der Stift für 19.95 ein durchaus vergleichbares samtiges Hautgefühl wie das neunhundertundsoundsoviel Euro teurere Original.
Was soll ich sagen? Ich habe die Mine austauschen lassen (die gleiche jetzt wie bei der Diva, die kostet nämlich nur 3.49), habe dann 23.44 Euro auf den Tisch gelegt. Und bin als fröhlicher Mensch aus dem Laden und an die Arbeit gegangen.
Und die Moral von der Geschicht? Manchmal lohnt der Luxus einfach nicht ...
Artikel wurde geschrieben von gmh
Dieser Beitrag wurde am 7.11.2009 um 14.19 Uhr veröffentlicht.
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| Schallblech schrieb am 07.11.2009 21:01: Nähste dir auch das Krokodil aufs Hemd? ;-) |
| Pirol schrieb am 08.11.2009 11:34: Meine Frau hat was ähnliches erlebt: Eigentlich hat sie immer für Joschka fischer geschwärmt. Aber dann hat sie doch mich geheiratet. Heute ist sie ganz froh darüber ... |
| Hoeffchen schrieb am 09.11.2009 19:18: Hallo Schallblech ;-), das mit dem Krok wäre doch genau das Gegenteil: Ich nehme ein minderwertiges Poloshirt und näh das Tier drauf. Damit jeder denkt: Ich hätte das teure Label. Beim Kuli war's anders herum: Ich nehme gute Qualität bzw. bastele sie mir zusammen OHNE dass ich das Label nehme. Der super Anblick, das tolle Schreibgefühl - alles da. Aber: bekennend ohne Label. |
| We-Ha schrieb am 09.11.2009 19:25: In dem Zusammenhang muss ich gerade an den Kalauer denken: |
| Hoeffchen schrieb am 09.11.2009 19:30: "Nobel, nobel", schreit der Zobel. Und verreckt beim Bad im Sekt. |
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