Abteilung Fettnäpfchen
Verfängliche Situationen
Ups! Es gibt so Situationen, da stehste plötzlich ganz blöd da. Eigentlich hast du nichts falsch gemacht ... und trotzdem bist du mit einem Mal voll der Oberdepp.
Zum Beispiel damals in Togo. Das liegt in Afrika (gäähn, das haben wir doch alle längst gewusst), gehört zu den ärmsten und chaotischsten Staaten überhaupt (ach nee, auch keine große Überraschung). Und ich war da mal als Fotograf (jetzt müsst Ihr rufen: »Echt?! Wow, toll. Da beneiden wir dich aber.«) Tja, hüstel, Fingernägel-mal-kurz-und-gekünstelt-übers-Revers-gerieben. So weit kann man’s bringen, wenn man bei UK arbeitet.
Aber kommen wir doch zurück zu dem »ups« der ganzen Situation.
Folgende Ausgangslage: tiefster Busch. Einladung beim Dorfchef. Der lässt uns – die kleine Truppe von »Brot für die Welt«, mit der ich unterwegs bin - standesgemäß ein wenig warten. Ist nicht schlimm. Wir sind das gewohnt und gucken uns derweil ein wenig um.
Und was gibt es da zu sehen! Fröhliche Kinder im sprichwörtlichen Lendenschurz. Tollen mit Bällen aus zusammengebundenem Lumpen umher. Ziegen, Schafe, eine Kuh. Sogar ein Affe ist zu sehen – leider über offenem Feuer an einem Grillspieß. Eine Dorfszene, fast wie bei Daktari.
Das Herz des Fotografen (Ihr erinnert Euch: Das war ich) schlägt höher.
Und dann diese Frauen. Sie sehen so ganz anders aus als die daheim in Europa. Dunkle, schokoladenfarbige Haut, krause Haare, die komischerweise einfach nicht länger werden wollen als, sagen wir, drei, vier Zentimeter (allerdings extrem gekräuselt, also alles in allem vielleicht doch – ausgezogen – zehn Zentimeter? Oder 15?).
Die Wirbelsäule ist viel, viel stärker geschwungen als bei Europäern, da kann man wirklich von einer echten »S-«Linie sprechen. Das führt dazu, dass auch der Po viel kräftiger erscheint – alles natürlich nicht mit den Augen eines Machos, sondern des Fotografen betrachtet.
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Aber ich schweife ab.
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Jedenfalls sind wird da vor dem Eingang der Chef-Hütte ganz in die Betrachtung der Umgebung vertieft, als der wichtigste Würdenträger des Dorfes endlich um die Ecke biegt. Und ich? Wo bin ich gerade?
Ich stecke meine Kamera gerade tief in den Ausschnitt. Tiiieef in den Busen einer prächtig gekleideten Frau – seiner Frau. Der Ehegattin des Dorfchefs.
So jedenfalls muss das aus der Perspektive des Häuptlings gewirkt haben. Es hat dann noch eine Weile gedauert, bis wir ihn mit vereinten Kräften – auch denen der Frauen unserer Delegation – davon überzeugen konnten, dass ich keineswegs Intimaufnahmen seiner Gattin zu schießen beabsichtigte, sondern lediglich den außergewöhnlichen Goldschmuck an ihrer Halskette fotografisch festhalten wollte.
Kennen Sie diese einschlägige Szene aus Kino und TV? »Schatz, das ist jetzt nicht das, wonach es aussieht ...« So ungefähr habe ich mich damals gefühlt, vor dem Dorfchef.
Es ist beinahe wie in einer griechischen Tragödie: Der Mensch hat ÜBERHAUPT nichts, aber auch gar nichts Böses im Sinn (apropos Böses: Der Leitartikel der neuen Druckausgabe von UK, 12/11 zum 20.3., beschäftigt sich auf der Seite 1 mit der Frage nach dem Bösen). Also noch mal: Der Mensch hat nichts Böses im Sinn. Aber plötzlich, ohne dass er es hat heraufziehen merken, schlägt das Schicksal zu. Hart. Unerbittlich. Und du kannst N I C H T S dagegen tun.
Ein Freund erzählt gern folgende Geschichte: Stell dir vor, du gehst am Heiligabend durch den Wald. Kleiner Spaziergang, frische Luft. Durch den Forst. Durch die neue Fichtenschonung. Und auf dem Rückweg findest Du eine Säge. »Ha«, denkst du dir, »so ein gutes Stück lass ich doch nicht liegen! Die vergammelt hier doch bloß.« Und du nimmst sie mit nach Hause.
Und triffst den Förster auf dem Heimweg. Jetzt mach du ihm mal klar, dass du die Säge nur ganz zufällig ... und dass du nicht ... Au Backe.
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»Verfängliche Situation«, nennt man so etwas.
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Der emotionale Wortgehalt von »verfänglich« trifft allerdings nicht annähernd die innere Aufwühlung, die Adrenalinüberflutung, die man in einer solchen Situation als direkt Betroffener verspürt.
Warum ich hier so olle Kamellen aus Togo und der Fichtenschonung ausgrabe? Das hat seinen Grund.
Ich fahre nämlich wieder Fahrrad. Die Temperaturen werden milder. Schnee und Salzfraß sind verschwunden. Zeit, allmorgendlich sich aufs Stahlross zu schwingen und zum Büro zu radeln.
Neulich war’s dann wieder soweit. Ich sag nur: ver – fäng – liche Situation.
Wenn ich nach der morgendlichen Radeltour in meiner Redaktionsstube bin, muss ich mich erst mal umziehen. Trainingsjacke weg. Sakko drüber und so weiter. Dazu schließe ich selbstverständlich für einen Augenblick die Tür ab.
Die junge Kollegin aus der Geschäftsführung, die just in diesem Augenblick anklopfte, hatte großes Verständnis, als ich ihr durch die geschlossene Tür zurief, das ich mich erst umziehen müsste. »Kein Problem«, rief sie, »komme gleich wieder.«
Das tat sie dann auch. Nachdem sie ein paar Bürotüren weiter eine Zeitlang Konversation betrieben hatte, machte sie sich wieder auf den Weg zu meinem Büro. Fröhlich, direkt, wie sie nun mal ist, die Kollegin, rief sie dabei über den Flur: »Na, bist du schon wieder angezogen?«
Ich weiß nicht, wie lange wir anschließend gebraucht haben, um die Gerüchte niederzuringen, die sich daraus ergaben, dass wohl genau in diesem Augenblick eine Kollegin aus einem anderen Stockwerk den Flur passierte – und sie nur diesen einen Satz mitbekam ...
Artikel wurde geschrieben von gmh
Dieser Beitrag wurde am 9.3.2011 um 15.59 Uhr veröffentlicht.
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| Erika Mörs schrieb am 10.03.2011 10:52: Einfach nur herrlich, der Artikel! |
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