Fast ein Nachruf
Requiem auf eine Uhr
Als ich den vierte Stock links das erste Mal betrat, war sie schon da. Sie hing - gut sichtbar - im Redaktionsflur.
Das ist nun schon eine erkleckliche Anzahl von Jahren her. Bewusst nahm man sie selten wahr. Eher so ein Blick im Vorübergehen. Begleitet von vielen Gedanken wie:
»Ohgottohgott, nur noch eine halbe Stunde bis Redaktionsschluss. Und ich habe den Leitartikel noch nicht fertig.«
Oder:
»Nur noch fünf Minuten, dann ist endlich Wochenende.«
Oder:
»Erst halb drei. Will denn dieser Tag gar nicht mehr rumgehen.«
So tat sie tagaus, tagein ihren Dienst. Gekoppelt an die Zeiterfassung, nicht nur im vierten Stock links, sondern gemeinsam mit ihren Schwestern auf jedem linken Flur des Medienhauses.
Dann, eines Tages, die Redaktion saß in der Konferenz, wurde es dunkel. In ganz Brackwede. Für wenige Sekunden. Doch die hatten schon gereicht. Als der Blick dann auf sie fiel, stand sie still.
Wir dachten uns nichts dabei. Sie würde schon wieder gehen. Sie ging immer. Und so war es auch. Sie nahm ihren Dienst wieder auf.
Aber sie gab sich kapriziös. Oder philosophisch. Zeit war für sie etwas Relatives geworden. Sie ließ sie schneller verstreichen oder langsamer, je nach Laune.
Und wir? Wir im vierten Stock links bemerkten auf einmal, wie oft am Tag wir auf sie geschaut hatten. Wie sehr wir uns auf sie verlassen hatten. Nun folgte dem Blick auf sie immer der Blick auf die eigene Uhr. Und so konnte es nicht weitergehen.
Sie und ihre Schwestern wurden abgebaut, Reparatur ging nicht, ersatzlos gestrichen.
Und wir auf unserem Flur merkten nun erst recht, wie oft am Tag wir ihr eigentlich Beachtung geschenkt hatten, selbst als sie schon eine Philosophin geworden war. Wie oft am Tag unser Blick auf die Stelle fällt, an der sie so treu bis fast ans Ende ihren Dienst verrichtet hatte.
Wenn Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, nun auf ein Happy End hoffen, so muss ich Sie enttäuschen. Der Platz ist immer noch leer. Aber die Redaktion liebäugelt mit einer Bahnhofsuhr, die ihr an Größe und Aussehen das Wasser reichen könnte. Sie werden es an dieser Stelle erfahren.
str
Dieser Beitrag wurde am 15.3.2010 um 12.32 Uhr veröffentlicht.
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| engelchen84 schrieb am 17.03.2010 16:28: Bahnhofsuhr?! Dann aber bitte eine niegelnagelneue, die noch nicht durch das Zeitverständnis der Deutschen Bahn verdorben ist ;) |
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