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Der härteste Job der Welt

<b>Bloß mal eben auf'n Stückcken</b> Apfelkuchen verweilt, und schon sieht's so aus ... Foto: megaptera

Bloß mal eben auf'n Stückcken Apfelkuchen verweilt, und schon sieht's so aus ... Foto: megaptera

Es war dunkel. Es war glatt. Es war kalt. Der Atem gefror am Schal. Und wenn ich nicht aufpasste, würden wohl auch meine Hände vor Kälte am Lenker festkleben.

Kein Mensch wäre so dämlich, bei diesem Wetter aufs Fahrrad zu steigen. Naja. Fast keiner. Einer war nämlich trotz Schneetreibens auf dem Drahtesel unterwegs: ich.

Es war Mittwochnachmittag und ich Konfirmand. Und das hieß: Auf zum Gemeindebüro, UK abholen und dann an die Abonnenten verteilen. Nur dass es Ende Januar an so einem Mittwochnachmittag schon zappenduster war. Zu allem Überfluss war es nicht nur ar... ... arg kalt, nein. Es musste natürlich auch noch schneien.

»Hiea«, sachte der Küsta (ich versuch jetzt gerade mal, den edlen Dialekt widerzugeben, der uns als Ruhr-Gebieter so selbstverständlich von der Zunge fließt), »hiea hasse dat Blättken«. Ich stopfte vier Packen Kirchenzeitungen in die Fahrradtaschen. »Aba pass auf, datte nich auf Fresse fälz«, gab mir der gute Mann im unvermeidlichen grauen Handwerkermantelkittel noch mit auf den Weg. »Iss glatt draußen.«

Sach bloß.

Eine Straße weiter fiel ich natürlich schon »auf Fresse«. War einfach zu glatt. Na, dacht ich, verdünnisieren is nicht. Die UK musste schließlich raus.

Also aufstehen, aufs Fahrrad setzen, weiter. Ein 13-jähriger ist schließlich kein Baby mehr.

Nach dem nächsten Sturz und dem nächsten und dem übernächsten überlegte ich mir das noch mal mit dem Baby. Aufgeben tuße nich, schwor ich mir. Aber fahren auch nicht mehr. Ab jetzt hieß es: Fahrrad schieben. War ein mannhafter Kompromiss, wie ich fand.

Aber schneller wurde ich dadurch auch nicht. Um jetzt nicht alles in Echtzeit wiederzugeben: Geschlagene zwei Stunden war ich unterwegs. Meine Mutter wollte schon ne Vermisstenmeldung rausgeben. Üblicherweise dauerte das UK-Austragen gerade mal 45 Minuten.

Okay, an der Verzögerung war auch Omma Musik schuld. Die lebte damals noch (logisch, sonst hätte sie mich ja nicht auf nen Kakao einladen können). Warum die Dame "Omma Musik" hieß, ist mir bis heute schleierhaft. Aber damals interessierte mich das wesentlich weniger als das Stück Apfelkuchen, das sie mir auf den Teller schob.

»Kea, iss dat kalt draußen«, trompetete sie mit ihrer mächtigen Stimme, die locker die Mauern von Jericho hätten zum Einsturz bringen können, wenn sie's drauf angelegt hätte (jetzt kommt's mir gerade: Ob sie wohl deswegen Omma Musik genannt wurde?). »Hiea, lecka Apfelkuchen, vonne Omma selbs gemacht. Hau rein!«

Das tat ich.

Und zwei Straßen weiter noch mal. Und im übernächsten Haus wieder.

Ist ja erstaunlich, was man so als 13-Jähriger alles an Tee, Kakao, Kuchen und Plätzchen in sich reinstopfen kann. Waren die Leute auch so schon immer freundlich, wenn ich mit der UK vorbeikam, so erst recht bei dem Sauwetter. Es gab: warme Worte. Warme Stube. Warme Speise. Und ne Menge Trinkgeld.

Ob das mit dem Trinkgeld heute noch so ist, weiß ich nicht. Jedenfalls musste ich dieser Tage an meine UK-Botentour denken. 34 Jahre ist das jetzt her (MEINE GÜTE, ich glaub's ja nicht). Und das Wetter ist in diesem Winter eindeutig noch viel, viel härter als in jenem Januar, anno 1976.

Omma Musik gibt's schon lange nicht mehr. Und UK-Boten sind an vielen Orten bereits durch den Postversand abgelöst. Und trotzdem: Noch immer eilen hunderte von ihnen durch die Nachbarschaft, bei Wind und Wetter, Woche für Woche. Tragen zuverlässig UK aus, die Evangelische Zeitung für Westfalen und Lippe.

Danke, Leute. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Bei dem Wetter macht Ihr einen der härtesten Jobs der Welt. Um es mit einem alten Segensspruch in der Tradition meines früheren Küsters zu sagen: Möget Ihr immer schön sachte auffe Fresse fliegen.

Danke für Euren Dienst. Hoffentlich ist hin und wieder noch n Stück Apfelkuchen drin.


Artikel wurde geschrieben von gmh

Dieser Beitrag wurde am 15.2.2010 um 16.40 Uhr veröffentlicht.

Kommentare lesen
We-Ha schrieb am 18.02.2010 12:12:

Aha, daraus resultiert dann wohl der noch heute anhaltende Drang zu zweirädriger outdoor-Aktivität ?

Glybyrne schrieb am 18.02.2010 14:04:

@weha: kein wunder, wenn ich so viel kaffe, tee und kuchen zu mir nehme habe ich auch immer so'n anhaltenden drang

We-Ha schrieb am 20.02.2010 12:01:

@Glybyrne (mit y)
Aber du erledigst diese Sache sicherlich nicht auf 2 Rädern ? :-)

Glybyrne schrieb am 20.02.2010 13:12:

ne, aber rund isses auch

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