Leben und leben lassen
Das Vorbild der Spinne
Wann haben Sie sich das letzte Mal so richtig aufgeregt? Mir passiert das regelmäßig, wenn Nachbars Jüngling seine grässliche Mucke aufdreht: wummernde Bässe, dumpfes Gestammel, das als »Gesang« verkauft wird, und – Da Capo! – wieder wummernde Bässe. Das ganze nennt sich Gangsta-Rapp und erhebt verstörrenderweise den Anspruch, Musik zu sein.
Diese »Musik« scheint man am besten genießen zu können, wenn man die Lautstärkeregler bis zum Anschlag aufreißt – vorzugsweise nach zehn Uhr nachts. Na gut, meine Eltern haben vielleicht das gleiche von den Scorpions gesagt, die ich in dem Alter gehört habe. Aber immerhin war das wenigstens noch Musik, was wir seinerzeit gehört haben!
HARTE Musik – wir Jungs waren ja auch hart drauf damals – aber: MUSIK! Von richtigen Musikern. Nicht so Karikaturen wie diese MTV-Schlabberhosen-Helden, deren Bewegungen vor der Kamera immer ein bisschen so wirken, als ob sie sich im Valiumrausch an die letzte Kung-Fu-Übung zu erinnern versuchten.
Gut, ich reg mich jetzt wieder ab. Aber da gibt es ja auch noch: den Baulärm, der seit (gefühlt) JAHREN in unserem Bürohaus nervt. Die lieben Kollegen, die in der Teeküche nicht aufräumen. Von den öffentlichen Toiletten und dem morgendlichen Verkehrsstau auf der A2 will ich jetzt mal gar nicht reden.
Und dann gibt es da diese Spinne.
Jeden Morgen sitzt sie an einer anderen Stelle im Badezimmer. Mal sehe ich sie, wenn mein Blick beim Rasieren am Spiegelrand hängen bleibt. Sie hockt da ganz still und scheint mir bei meinen morgendlichen Bemühungen zuzuschauen. Mal hat sie sich in der Fensternische postiert. Heute morgen klebte sie in der obersten Ecke zwischen Wand und Decke in der Dusche.
Normalerweise würde ich ja so eine Spinne gleich rauswerfen. (Sie kennen den Trick? Trinkglas drüberstülpen, Blatt Papier drunterschieben. Die Spinne ist im gläsernen Gefängnis sicher unter Kontrolle und kann aus dem Fenster geschleudert werden. Glas festhalten! Funktioniert auch bei Bienen und Wespen.)
Ich meine: Nicht, dass ich mich vor so einer Spinne ekelte. Das gibt’s zwar auch. Lange, haarige Beine ... (manchen mögen das ja auch bei Frauen nicht.) Nein. Aber so eine Spinne hat in einer Wohnung einfach nichts zu suchen. Von wegen Ordnung und so. Da bin ich eigen.
Normalerweise.
Aber bei dieser Spinne ist es anders. Inzwischen bin ich jeden Morgen schon richtiggehend gespannt, wo sich die kleine Untermieterin wohl diesmal hinverzogen hat. Das ist wie bei diesen Suchbildern: Man kann regelrecht süchtig danach werden, wenn man sich erst mal daran gewöhnt hat.
Außerdem: So eine Spinne stört ja nicht wirklich. Und gefährlich ist sie schon gar nicht (NEIN, es ist KEINE Kreuzspinne; habe schon mit dem Vergrößerungsglas nachgeschaut.) Spielt sich alles im Kopf ab. Warum sollte sie nicht im Badezimmer wohnen dürfen – bei dem bisschen Platz, was sie beansprucht. Und laut ist sie auch nicht.
Was mich wieder zu meinem lieben Nachbarn führt, dem Gangsta-Rappa.
ENTWEDER ich kaufe mir eine Giftspinne (in NRW scheint das ja seltsamerweise nicht verboten zu sein) und schmuggle sie in Jünglings Wohnung. Dann brauchte ich nur noch zu abzuwarten. Aber das verbietet mir natürlich meine christliche Grundhaltung.
ODER ich lass mir meine kleine Untermieterin zum Vorbild gereichen und lasse Gnade vor Recht ergehen: Wenn ich eine SPINNE erdulden kann, und zwar sogar IN meiner Wohnung, dann sollte mir das doch wohl auch mit einem Spinner gelingen, der sein Unwesen außerhalb meiner Wohnung treibt.
Also, liebe Nachbarn, Kollegen, Bauarbeiter und der Rest der Welt: Keine Bange mehr vor meinen Wutausbrüchen. Leben und leben lassen! Das ist’s, was mich die Spinne lehrte.
Artikel wurde geschrieben von gmh
Dieser Beitrag wurde am 26.3.2010 um 14.29 Uhr veröffentlicht.
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