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Das hat uns noch gefehlt

<b>Hier könnte schon bald der Name eines echten Pfarrers stehen</b> - wenn Sie 49,80 auszugeben bereit sind. Grafik: gmh

Hier könnte schon bald der Name eines echten Pfarrers stehen - wenn Sie 49,80 auszugeben bereit sind. Grafik: gmh

Wow! Da ist ein bibliophiles Sahnestück allererster Güte auf den Markt gekommen: Alle Pfarrer, die seit der Reformation auf dem Gebiet der heutigen rheinischen Landeskirche tätig waren, sind jetzt in einem Buch vereint. Mit Kurzbiographien!

Das muss man erst einmal verdauen: ein Meilenstein der datentechnischen Vollkommenheit. Historiker können ihr Glück kaum fassen, Menschen mit Sammelzwang jauchzen erregt auf. Und der leitende Theologe der rheinischen Kirche, Präses Nikolaus Schneider, spricht vermutlich Tante Lehne und dem Rest der kirchlichen Gemeinschaft aus dem Herzen, wenn er mit tiefer, volltönender Stimme festhält: »Auf dieser Grundlage kann die Geschichte der Kirche und ihrer Pfarrer neu geschrieben werden.«

Und das ist ja auch bitter notwendig: die Geschichte der Kirche und ihrer Pfarrer neu zu schreiben. Denn es gibt nichts, aber auch gar nichts, was der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten so sehr gefehlt hätte, wie ein solches Werk.

2694 Pfarrer und Pfarrerinnen sind im ersten (!) Band des neuen Standardwerks für die Ewigkeit (oder zumindest bis zum Jüngsten Gericht) festgehalten. Das sind zwar erstmal nur die Buchstaben A bis D, aber immerhin: Von Bartholomäus Aar, der von 1561 bis 1574 Pfarrer in Kapellen bei Moers war, bis Oskar Walter Dzikonski, geboren 1913 und nach dem Zweiten Weltkrieg Pfarrer in Duisburg, sind die Pfarrer und Pfarrerinnen mit Namen, Geburtsdatum, Amtszeit, Studienorten und Veröffentlichungen in diesem Band dargestellt.

Und: Weitere Bände werden folgen. In den kommenden fünf Jahren soll jährlich ein weiterer Band erscheinen, sagt Landeskirchen-Archivdirektor Stefan Flesch. Wenn die Veröffentlichung der Bücher abgeschlossen ist, soll auch eine Internet-Version der Namen und Daten der rheinischen Pfarrer zugänglich gemacht werden.

Als Journalist weiß man manchmal gar nicht, an welcher Stelle man bei solch derart beglückenden Pressemeldungen am lautesten aufjubeln soll. Beim Schnäppchenpreis von 49,80 Euro (für den ersten Band)? Bei der Begeisterungsfähigkeit der Verantwortlichen? (O-Ton: Historiker versprechen sich von den Kurzbiografien Informationen über regionale Besonderheiten und die Ausbildungen der Pfarrer. »Außerdem kann man erkennen, wie viele Pfarrerdynastien es gibt«, sagte Archivar Flesch bei der Vorstellung des ersten Bandes.)

Oder schlicht bei der Erkenntnis, dass Datenschutz in der Kirche dann wohl doch noch nicht den ans Absurde grenzenden übermächtigen Stellenwert errungen hat, dem ihm von vielen bösen Zungen (unter anderem in dieser Redaktion hier) oft nachgesagt wird.

(Kleiner Ausflug in ein Land, das wir Absurdistan nennen: Neulich wurde in einer Landeskirche, deren Namen ich aus Selbstschutzgründen hier besser nicht nenne, eine Aktion gestoppt, bei der die Presbyter hätten angeschrieben werden sollen. Begründung: Die Adressen dürften nicht »raus«gegeben werden. Wobei »raus«gegeben bedeutet hätte: Eine Einrichtung der Landeskirche gibt einer anderen Einrichtung derselben Landeskirche die Adressen. Das ist in etwa so, als ob Vati sich weigern würde, Mutti die Zimmernummer von Onkel Herbert zu sagen, der ins Krankenhaus gekommen ist. Begründung: Datenschutz.)

Genug gelästert. Freuen wir uns. Über Sammler. Spezialisten. Die Schönheit von Elfenbeintürmen im Licht der untergehenden Sonne (Abendland!).

Oder einfach über das Leben.


gmh

Dieser Beitrag wurde am 18.5.2011 um 17.40 Uhr veröffentlicht.

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