Abschied von Robert Enke
Das Gesicht der Witwe
Ich bin kein Fußball-Fan. Der Name Robert Enke war mir nicht geläufig – bis zu seinem Suizid am Dienstagabend. Seine Karriere, sein Schicksal, seine Krankheit – all das habe ich erst in der vergangenen Woche aus den Medien erfahren.
Warum ich mir trotzdem heute morgen die Trauerfeier für ihn im Fernsehen angesehen habe? – Ich wollte wissen, welchen Trost es geben kann für Menschen, die zu Tausenden in einem Fußballstadion von einem sportlichen Idol Abschied nehmen. Welche Worte die finden, die stellvertretend für alle ihrer Trauer Ausdruck geben. Und ob so etwas anklingt wie Hoffnung, die über das ganz und gar weltliche Ding Fußball hinausgeht, das für viele doch zu einer Art Ersatzreligion geworden ist.
Es waren drei Dinge, die mich beeindruckt haben bei dieser riesigen Veranstaltung, die im Vorfeld als Medienspektakel gescholten worden war:
Da war einmal das Gesicht der Witwe, Terese Enke. Für mich steht es seit der Pressekonferenz, auf der sie vom Leben mit der Depression ihres Ehemanns erzählte, für den Kampf gegen diese Krankheit mit allem, was dazu gehört – auch das Scheitern. Ich selbst kenne diesen Kampf, bei Angehörigen und Freunden, mal näher, mal weiter entfernt, mal erfolgreich, mal hoffnungslos. Und ich weiß, wie viele, viele Menschen es gibt, die unter Depressionen leiden, persönlich oder als Nahestehende. Wenn über diese Krankheit jetzt gesprochen wird, wenn informiert wird, wenn der eine oder andere es wagt, zu sagen: Ich auch – dann ist das Terese Enke zu verdanken. Ihre Haltung verdient Bewunderung.
Dann: die Worte von Theo Zwanziger, dem Präsidenten des Deutschen Fußballbundes. Er suchte nach Sinn in einem „an sich sinnlosen Sterben“, wie er selbst sagte. Die Würde des Menschen zu achten, auch Schwäche gelten lassen, für mehr Menschlichkeit eintreten – dazu rief Zwanziger die Fans auf. Sollte dieser Appell dem Profifußball tatsächlich etwas mehr Toleranz einbringen, wäre das schön. Ich frage mich allerdings, ob das als Sinn reicht für den Suizid eines verzweifelten Menschen.
Und schließlich: der katholische Pfarrer Heinrich Plochg. Mit seinen unaufgeregten Worten gab er der Abschiedsfeier im Fußballstadion einen Rahmen, den kein noch so erschütternder Nachruf bieten kann. „Wir wissen uns in Gottes Liebe angenommen“, sagte er zu Beginn der Feier – und beendete sie mit der Botschaft von der Auferstehung. Beim anschließenden „Vater unser“ beteten längst nicht alle der knapp 40 000 Trauergäste mit. Trotzdem war es der Moment, der Trost und Hoffnung am nächsten kam, trotz Fernsehkameras und Moderatorengeschwafel. Aufgehoben bei Gott – einen anderen Trost kann es nicht geben.
Anke von Legat
Dieser Beitrag wurde am 15.11.2009 um 21.33 Uhr veröffentlicht.
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