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Mitarbeiter fühlen sich ungerecht behandelt

Alarm um die Pflege

Helfen, wo es wirklich nötig ist: Mitarbeitende in der Altenpflege leisten zum ganz überwiegenden Teil aufopferungsvolle Arbeit. Foto: epd

Helfen, wo es wirklich nötig ist: Mitarbeitende in der Altenpflege leisten zum ganz überwiegenden Teil aufopferungsvolle Arbeit. Foto: epd

"Die Pflege-Schande" titelte die "Bild"-Zeitung und prangerte skandalöse Missstände in deutschen Altenheimen an. Auch Frank Plasberg setzte in seiner "Hart - aber fair"-Sendung im WDR-Fernsehen auf quotensteigernden Alarmismus: "Wer schützt die Alten vor den Horror-Heimen?", so der Titel seiner Sendung. Wer seine Eltern in ein Altenheim gebe, spiele mit ihrer Gesundheit "Russisch-Roulette".

Von Wolfgang Riewe

Bärbel F., Pflegedienstleiterin in einem Seniorenzentrum der Diakonie, machen solche pauschalen Urteile wütend. Niemand behaupte, dass bei der Pflege so vieler schwer kranker alter Menschen immer alles glatt laufe. Ihrer Meinung nach wird aber zu wenig gewürdigt, unter welch hohen Belastungen Pflegerinnen und Pfleger in Altenheimen arbeiten müssen. "Die meisten sind hoch engagiert. Sie verdienen nicht, dafür noch an den Pranger gestellt zu werden."

Der jüngste Pflege-Qualitätsbericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) hat die Debatte um die Qualität der Pflege neu entfacht. Obwohl sich die Lage seit dem letzten Bericht vor drei Jahren bei fast allen Versorgungskriterien verbessert hat, stellen einige auf Skandalisierung abzielende Medien das genaue Gegenteil heraus.

Tatsächlich aber ist Pflege in Deutschland besser geworden. Litten 2004 noch 17 Prozent der Heimbewohner unter den Folgen schwerer Pflegemängel, ist die Zahl jetzt auf zehn Prozent gesunken. Das ist immer noch zu viel. Aber die Qualitätsoffensive der letzten Jahre, die auch von Häusern der Diakonie vorangetrieben wurde, scheint doch Früchte zu tragen.

Unbestritten bleibt, dass es trotz dieser positiven Entwicklung nach wie vor Defizite gibt. Zweifellos muss gegen die "schwarzen Schafe" der Branche etwas unternommen werden. Die Forderung nach mehr Transparenz im Pflegebereich, nach regelmäßiger und unangemeldeter Überprüfung der Qualitätsstandards, ist berechtigt. Ein von einer unabhängigen Stelle erarbeiteter "Pflegeführer", der wie ein Hotelführer mit entsprechenden Symbolen und Sternen die Leistungen einer Einrichtung beurteilt, würde den zu Pflegenden und ihren Angehörigen Einblick geben. Dann würde ein Heim mit starken Mängeln bald vom Markt verschwinden.

Was in der Diskussion zu kurz kommt, ist die völlig veränderte Situation in Alten- und Pflegeheimen. Im Unterschied zu früher werden nämlich nur noch hochgradig pflegebedürftige oder an Demenz erkrankte alte Menschen aufgenommen. Mindestens in die erste Pflegestufe muss daher jemand eingruppiert sein. Die meisten von ihnen, vor allem in Pflegestufe 2 und 3, benötigen eine sehr intensive Pflege.

Viele sind froh, dass im Heim rund um die Uhr für sie gesorgt wird. Und nicht selten lebt mancher hier wieder auf, der oder die vorher zu Hause nicht mehr allein zurecht kam. Die regelmäßige Pflege und Versorgung mit Mahlzeiten und Medikamenten, aber auch die persönliche Zuwendung, die Gespräche und Angebote zur körperlichen und geistigen Aktivierung spielen eine große Rolle.

Die meisten Pflegerinnen bemühen sich sehr. Aber oft fehlt ihnen die Zeit, sich um jeden einzelnen Bewohner zu kümmern. Einen alten Menschen, der kaum noch Hunger- und Durstgefühle hat, ständig ans Essen oder Trinken zu erinnern, braucht viel Geduld.

Die Pfleger und Sozialarbeiterinnen leiden darunter, dass für Gespräche und persönliche Seelsorge wenig Zeit bleibt. "Niemand von uns behandelt Heimbewohner mit Absicht schlecht. Wir haben einfach zu wenig Zeit", klagt Bärbel F., die nicht mit richtigem Namen genannt werden möchte. Sie fühlt sich nach zehn Jahren im Beruf ausgebrannt. Ihrer Meinung nach sollten alle Pflegenden sagen: "Unter diesen Umständen schaffen wir es nicht mehr." Und sollten vor allem aufhören, "in Pflege-Dokumentationen etwas einzutragen, was sie gar nicht geschafft haben."

Solche Äußerungen machen deutlich, dass das geplante neue Pflegegesetz einen Rahmen schaffen muss, der eine würdige Pflege alter Menschen auch zulässt. Notwendig sind nicht noch mehr Qualitätsstandards, sondern mehr qualifiziertes Personal. Und ihre Fortbildung und Begleitung. Zusätzliches Geld muss darüber hinaus in die Sozialdienste der Pflegeheime gesteckt werden. Bisher entfallen bei den Kosten einer stationären Pflegeeinrichtung mehr als die Hälfte auf Personalkosten (50,60 Euro), auf Küche, Wäscherei, Reinigung und haustechnische Dienste weitere 24,09 Euro. Lediglich 4,30 Euro werden in einer Einrichtung für Lebensmittel und nur 4, 23 Euro für Therapie und Sozialdienst ausgegeben. Dabei müsste die persönliche Zuwendung durch Seelsorger, Therapeuten und Sozialarbeiterinnen bei schwerkranken alten Menschen hohe Priorität haben.

"Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren", heißt es im vierten Gebot. Zum Ehren alter Menschen gehört neben qualifizierter Pflege, dass wir ihnen im Alter mit Respekt begegnen und ihnen die Liebe zurückgeben, die sie uns als Kindern geschenkt haben. Sie auf ihrem Heimweg zu begleiten, ist Aufgabe aller, nicht nur derer, die sich in Heimen und ambulanten Diensten beruflich um sie bemühen. Ihnen, die sich Tag für Tag mit großem körperlichen und psychischen Einsatz für alte Menschen engagieren, gilt unser Dank.

Dieser Beitrag wurde am 25.9.2007 um 22.59 Uhr veröffentlicht.

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